Hausbesuch im Landkreis Cham: Gemeindeschwester Barbara Reidl klingelt an einer Haustür in Waldmünchen. Wenig später öffnen zwei Seniorinnen die Tür. Für eine der beiden Frauen hat Reidl ein Dokument dabei. Auf Bitten der 86-Jährigen hat es die Gemeindeschwester aufgesetzt und ausgedruckt. Denn die Seniorin hat keinen Computer, so Reidl: "Ich habe ihr das auf ihr Ansagen verfasst und sie muss das jetzt noch unterschreiben und selbstständig wegschicken." Entsprechend froh ist die 86-Jährige über die Hilfe der Gemeindeschwester.
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In sechs Gemeinden unterwegs
Barbara Reidl ist gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin, mit Erfahrung in der Pflege und der Verwaltung, wie sie erzählt. Als Gemeindeschwester ist sie in sechs Gemeinden im Landkreis Cham unterwegs und unterstützt Seniorinnen und Senioren bei Problemen, Sorgen und beim Aufbau eines Versorgungsnetzes. So lotst sie beispielsweise durch das Gesundheits- und Pflegewesen. Die Senioren, die sich an sie wenden, bräuchten oftmals Hilfe beim Ausfüllen von verschiedenen Anträgen: "Sie sind dann unsicher, haben Angst, diesen Antrag auszufüllen oder irgendwelche Daten anzugeben, wenn was falsch sein sollte. Und da bin ich einfach unterstützend zur Seite." Und wenn sich jemand einsam fühlt, versucht die Gemeindeschwester zu vermitteln – beispielsweise zu einem Seniorenkreis.
Sprechstunden und viele Hausbesuche
Die Gemeindeschwester ist ein Modellprojekt des Landkreises Cham. Gefördert wird es im Rahmen der Strategie "Gute Pflege. Daheim in Bayern" durch den Freistaat Bayern. An den Start gegangen ist das Projekt vor zwei Jahren – zunächst mit einer anderen Gemeindeschwester. Seit Sommer 2025 ist Barbara Reidl in dieser Position.
Mehr als 70 Senioren betreut die Gemeindeschwester derzeit. Neben Sprechstunden, die sie anbietet, besucht sie die Seniorinnen und Senioren vor allem zu Hause. Insgesamt hat das Projekt bereits rund 180 Anfragen bekommen, sagt Eva Liedtke von der "Gesundheitsregion Plus" im Landkreis Cham. Sie ist zusammen mit einer Kollegin für die Koordinierung und Umsetzung des Modellprojekts zuständig. "Es hat sich auf jeden Fall dahingehend schon etabliert, dass die betroffene Person oder das Umfeld auf uns zukommt", so Liedtke. Auch Bürgermeister, Verkäuferinnen im Dorfladen oder Seniorenbeauftragte würden sich melden, wenn sie bemerken, dass jemand Unterstützung gebrauchen könnte.
Lotsin statt Pflegerin
Neben den Aufgaben, die die Gemeindeschwester zu erfüllen hat, ist aber auch geregelt, für was sie nicht zuständig ist, so Liedtke: "Die Gemeindeschwester übernimmt keine pflegerischen Leistungen und die Gemeindeschwester übernimmt auch keine heilkundlichen Tätigkeiten, die in irgendeiner Weise ärztlich delegiert werden müssen." Auch haushaltsnahe Dienstleistungen und Fahrdienste gehören nicht zur Aufgabe der Gemeindeschwester. Vielmehr vermittelt sie zu solchen Leistungen, sagt Liedtke: "Die Gemeindeschwester ist wirklich dafür da, durch diesen Dschungel an unterschiedlichen Leistungen und Zuständigkeiten in unserem Gesundheitssystem zu lotsen."
Projekt wird positiv bewertet
Ende dieses Jahres geht das Modellprojekt der Gemeindeschwester im Landkreis Cham zu Ende, dann soll eine wissenschaftliche Evaluation erstellt werden. Parallel werden über die Fortführung des Projekts der Landkreis und der Freistaat entscheiden. Wie es aus dem Landratsamt heißt, werde das Projekt derzeit positiv bewertet, es soll eine Lösung geben.
Auch Barbara Reidl wünscht sich, dass das Projekt weitergeht: "In meinen Augen ist die Gemeindeschwester eine wirklich wichtige Sache, die Sinn macht in der jetzigen Zeit." Weil viele alleine seien "und mit der Situation überfordert." Für sie ist die Arbeit als Gemeindeschwester nicht nur ein Job, sondern auch eine Herzensangelegenheit: "Es ist wirklich schön, was man erlebt, manchmal ist es auch erschreckend, was man erlebt, das darf man auch ganz ehrlich sagen. Aber es überwiegt definitiv das Schöne."
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