(Symbolbild) Eine Frau in Wanderklamotten macht mit ihrem Handy ein Foto, hinter ihr ist eine Bergkulisse erkennbar.
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(Symbolbild) Influencer vermitteln ein trügerisches Bild vom Bergsteigen.
Bildrechte: picture alliance / Westend61 | Florian Küttler
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Gipfelstürmer ohne Plan: Bergsteigen mit Social Media

Gipfelstürmer ohne Plan: Bergsteigen mit Social Media

Die Alpen wirken auf TikTok und Instagram oft wie ein leicht bezwingbarer Spielplatz. Doch der Schein trügt: Immer mehr Menschen vertrauen blind auf ihr Smartphone und bringen sich dabei in Lebensgefahr.

Über dieses Thema berichtet: Der Funkstreifzug am .

Herbst 2025: Julian geht mit einem Kumpel auf Wandertour. Ihr Ziel: die Zugspitze. Ihren Aufstieg filmen sie. Die Vorbereitungen der beiden sind denkbar schlecht: "Wir gehen heute unvorbereitet auf die Zugspitze. Ich geh' zum ersten Mal wandern, wir haben ungefähr 'ne Stunde geschlafen und ich weiß gar nicht, wo wir 'rauf wollen", sagt Julian in die Kamera.

Das Video postet er später bei TikTok. Fast 11.000-mal wird es geliked. Viele kommentieren anerkennend: "Leben am Limit" heißt es da. Oder: "Das ist mal 'ne Leistung. Respekt!" Es gibt viele, die wenigstens einmal zu Fuß auf den höchsten Berg Deutschlands wandern wollen. Genau wie Julian.

Das Phänomen "Thrill statt Skill"

Für Experten wie den Bergführer Pit Rohwedder sind Unternehmungen wie die von Julian ein Symptom unserer Zeit: "Thrill statt Skill" nennt er das Phänomen. Viele Berggänger agieren nicht mehr als verantwortungsbewusste Wanderer, sondern als "Homo consumensis". Ihr erklärtes Ziel: das Erlebnis konsumieren, das ihnen in Sozialen Netzwerken versprochen wurde. "Man hechelt einfach dem Thrill hinterher und versteht nicht, demgegenüber brauchst du auch Skills, weil sonst gehst du baden", warnt Rohwedder.

Und das kann in den Bergen lebensgefährlich oder gar tödlich sein. Etliche Menschen gehen kaum oder völlig unvorbereitet auf eine Bergtour, bestätigt Michael Schmidt. Er betreibt in Garmisch-Partenkirchen einen Alpinsportladen und eine Alpinschule. Er beobachtet ein neues Kundenverhalten: Hochwertige Bergstiefel werden nicht mehr gekauft, sondern für ein ganz spezifisches Ziel geliehen. "Ich möchte einmal auf die Zugspitze, sonst brauch' ich den Schuh nicht", lautet die häufige Argumentation.

Die Ausrüstung ersetzt keine Erfahrung

Das Problem: Die beste Ausrüstung ersetzt kein alpines Wissen. Schmidt berichtet von Kunden, die trotz Warnungen vor Neuschnee oder Lawinengefahr am Wochenende auf den Gipfel wollen, nur weil es gerade "in den Kalender passt".

Unzählige Portale, Webseiten und Apps informieren mittlerweile über Bergtouren. Einerseits ist dort so viel Wissen hinterlegt wie nie zuvor. Andererseits ist vieles auf den schönen Schein reduziert. Vor allem in Sozialen Medien, in denen hunderte Hochglanzvideos "die zehn schönsten Hüttentouren für deinen Sommer" oder "meine Wanderhighlights in den bayerischen Alpen" anpreisen.

Bergretter am Limit

Die Folgen dieser Entwicklung tragen oft die Ehrenamtlichen der Bergwacht. Allein von Mai bis Oktober 2025 zählte die Bergwacht Bayern rund 3.500 Einsätze – ein Anstieg von 200 Fällen im Vergleich zum Vorjahr. Johannes Zollner, Geschäftsführer der Bergwacht Region Hochland West, beobachtet vor allem im späten Herbst und Winter eine Zunahme an Notrufen. Oft müssen Personen aus Gelände gerettet werden, das für Wanderer eigentlich nicht mehr begehbar ist. Etwa jeder zehnte Einsatz galt im vergangenen Sommer unverletzten Personen, die sich schlicht übernommen haben, besagt die bayernweite Statistik.

Um die schwindende Eigenverantwortung zu adressieren, fordert Michael Schmidt eine anteilige Beteiligung an den Einsatzkosten. Er kritisiert eine "Vollkaskomentalität", die auch durch den Versicherungsschutz von Organisationen wie dem Alpenverein (DAV) genährt werde: "Da steigst du aus dem Hubschrauber aus und das Erste, was sie dir entgegenhalten, ist der Alpenvereinsausweis: 'So, das kostet jetzt aber nix'", erinnert er sich an Erfahrungen aus seiner aktiven Bergwachtzeit.

Forderung: Selbstbeteiligung bei Bergrettung

Der DAV hingegen lehnt eine Eigenbeteiligung ab und argumentiert, dass dies leichtfertiges Verhalten nicht reduziere und die meisten Fälle tatsächliche Unfälle seien.

TikToker Julian erklärt auf Anfrage, ihm seien die Risiken der Wanderung durchaus bewusst gewesen. Er wollte mit der Tour über seine Grenzen hinausgehen. Trotz der zu kleinen, geliehenen Schuhe kam er mit viel Glück unfallfrei am Gipfel der Zugspitze an – wenn auch vollkommen erschöpft, wie er in seinem Video erzählt: "Bin kurz vorm Sterben. Ich werd' nie wieder in meinem Leben wandern."

Die ganze Recherche hören Sie im Funkstreifzug am 29.04.2026 um 12.15 Uhr im Radioprogramm von BR24 oder als Podcast bei ARD Sounds.

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