Was ist relevant? Was ist Werbung? Welche Unterlagen müssen wann in welchem Amt vorgelegt werden? Post von deutschen Behörden stellt schon viele Einheimische vor Herausforderungen. Für geflüchtete Menschen ist die "Zettelwirtschaft" hierzulande ein großes Problem. Der Landkreis Main-Spessart hat das erkannt und bietet deshalb Unterstützung an: Ehrenamtliche helfen dabei, das Chaos aus Papieren zu ordnen.
Integrationslotsin: "Geflüchtete mit einer Tüte voller Dokumente"
Stapelweise lose Briefe und Dokumente liegen ausgebreitet auf mehreren Tischen in Lohr am Main. Davor sitzen jeweils vier ungleiche Paare: ein Ehrenamtlicher oder eine Ehrenamtliche und eine Person mit Migrationsgeschichte. Ausgestattet sind sie mit Aktenordnern, Lochern und Tackern.
"Schluss mit dem Papiere-Chaos": So nennt sich das Hilfsangebot. Auf die Beine gestellt hat das Projekt die Integrationslotsin des Landratsamtes Main-Spessart, Belinda Haas: "Unsere Kollegen aus dem Landratsamt, dem Jobcenter und der Asylbehörde sind auf uns zugekommen und haben gesagt: "Die Geflüchteten kommen zu uns und haben ihre Unterlagen in Tüten oder Rucksäcken. Es wäre schön, wenn es da Ordnung gäbe."
Von der Tüte in den Ordner: Ehrenamtliche helfen Geflüchteten, den Durchblick im Bürokratie-Dschungel zu behalten
20 Ehrenamtliche helfen bei Projekt im Landkreis Main-Spessart
20 Ehrenamtliche haben sich auf den Aufruf von Haas gemeldet. Die meisten sind Rentner und Rentnerinnen, die eine berufliche Vergangenheit im Personalbereich haben.
Annette Keinert ist eine von ihnen: "Die Menschen wissen gar nicht, an welche Behörde sie sich zu wenden haben. Und der Sprachgebrauch in den Schreiben ist ziemlich schwierig zu durchblicken. Sie wissen dann nicht: Welcher Termin ist für mich wichtig?"
Auch Penny Edwards hilft. Sie kam vor 30 Jahren aus den USA nach Deutschland. Aus eigener Erfahrung weiß sie, wie schwer es ist, das deutsche System zu verstehen. "Ich habe fünf Jahre gebraucht: Von Auto anmelden über Rechnungen bis hin zu Werbung – das ist sehr komplex. Aber wenn man vorbereitet zum Amt kommt, flutscht es besser. Am Ende funktioniert Integration aber nur über die Sprache", so Edwards gegenüber BR24.
Geflüchtete sind nicht prinzipiell unordentlich, sondern überfordert
Auch Belinda Haas glaubt nicht, dass die geflüchteten Menschen prinzipiell unordentlich sind. Es habe vielmehr mit Überforderung zu tun. "Ein Mensch, der gar nicht oder nicht gut Deutsch sprechen kann, wird von Dokumenten und Papieren überflutet. Es ist schwierig, da eine Ordnung zu halten", so die Integrationslotsin.
Kulturelle Unterschiede: Keine Behördenpost in Afghanistan
Auch zwei Männer aus Afghanistan nehmen an diesem Nachmittag das Angebot in Lohr am Main in Anspruch. Sie haben Unterlagen der ganzen Familie dabei. Mithilfe eines Dolmetschers erklären sie, dass sie vier bis fünf Mal pro Woche Post bekämen, etwa vom Jobcenter, der Krankenkasse oder von Behörden. Aber im Grunde würden sie in den Schreiben nichts verstehen.
In Afghanistan gebe es gar keine Behördenpost. Wenn es etwas zu regeln gäbe, würde man persönlich aufs Amt gehen. Hasani Yahya sagt, er habe deshalb auch noch nie einen Aktenordner benutzt.
Problem: Unverständnis kann schwerwiegende Folgen haben
Wenn die Menschen nicht verstehen, was in den Unterlagen steht, kann das aber gravierende Folgen haben: "Gerade wenn Fristen versäumt werden, zieht das einen ganzen Rattenschwanz nach sich", erklärt Belinda Haas.
25 geflüchtete Menschen haben das Hilfsangebot bereits genutzt. Termine gibt es in vielen Städten im Landkreis Main-Spessart. Meistens bleibe es nicht bei einem Treffen. Das zeige die Erfahrung, so Haas.
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