In Deutschland spielen kirchliche Wohlfahrtsverbände wie Caritas und Diakonie eine tragende Rolle im Sozialstaat. So sind sie zum Beispiel in den Bereichen Altenpflege, Integration und Kinderbetreuung aktiv. Ein muslimisches Pendant gibt es auf Landes- und Bundesebene bisher nicht – wird von Experten aber schon lange gefordert.
Sozialdienst muslimischer Frauen in Kempten
Während die kirchlichen Verbände christlich geprägt sind, fehlt es vielerorts an religions- und kultursensiblen Angeboten für Muslime. Einzelne regionale und lokale Projekte zeigen schon jetzt, welchen Beitrags muslimische Wohlfahrtsverbände für die Gesellschaft leisten können: So zum Beispiel beim Sozialdienst muslimischer Frauen (SmF) in Kempten im Allgäu.
Etwa 15 ältere Frauen und Männer sitzen hier zusammen am Frühstückstisch: Gurken, Tomaten und Käse liegen auf der Platte. Zwei Frauen verteilen Semmeln und Brezen, eine andere bringt das heutige Thema auf den Tisch: die Patientenverfügung – auf Türkisch. Die meisten der Besucher haben türkische Wurzeln, viele Frauen tragen Kopftuch.
Seniorencafés, Kletterkurse und Alltagshilfe
Es geht darum, Vertrauen zu schaffen, dass die Bedürfnisse von Muslimen im Alltag berücksichtigt werden. "Zum Beispiel, dass sie das Mittagsgebet zwischen einem Workshop verrichten können", erklärt SmF-Leiterin Ayla İnan. "Oder dass wir Angebote in der Fastenzeit in die Abendzeit verlegen."
13 Frauen arbeiten im interkulturellen Team des Projekts. Neben der Seniorinnenarbeit reichen die Angebote von Selbstverteidigungstrainings und Kletterkursen für Kinder über Elternberatung bis hin zu Klimaschutzprojekten.
In einem Nebenzimmer findet gerade eine Einzelberatung statt. Projektmitarbeiterin Rabia Mercimekoğlu kennt die speziellen Fragen, die Menschen aus der Gastarbeitergeneration im Alter beschäftigen – wenn sie etwa Rentenansprüche in Deutschland und in der Türkei haben.
Oder wenn es um die Pflege geht. Manche Seniorinnen müsse sie regelrecht überreden, einen Pflegeantrag zu stellen, sagt Mercimekoğlu. Häufig hemmt Stolz ihre Klientinnen. Oder sie sorgen sich, andere könnten dann weniger Unterstützung bekommen. "Dann sage ich: Ihr nehmt niemandem was weg. Ihr Mann hat hier 50 Jahre gearbeitet und seine Krankenkassenbeiträge gezahlt."
Kooperation mit kirchlichen Verbänden
Nach dem Frühstück gehen die Senioren auf einen Spaziergang durch Kempten. FIVE heißt das Projekt, das für mehr Fitness und weniger Einsamkeit im Alter sorgen soll – willkommen ist jeder. "Eine sehr angenehme Umgebung", lobt ein nicht-muslimischer Teilnehmer. "So verengt man im Alter nicht seinen Blickwinkel und kommt stattdessen unabhängig von religiösen Überzeugungen mit Menschen in Kontakt."
Mit seinen Angeboten will der Sozialdienst muslimischer Frauen keine Konkurrenz zu Diakonie und Caritas sein. Vielmehr sieht man sich als eine Ergänzung zu den kirchlichen Wohlfahrtsverbänden. Mit der Diakonie im Allgäu gibt es sogar eine offizielle Kooperation, etwa bei Migrationsprojekten.
Neben Kempten ist der SmF auch im niedersächsischen Delmenhorst und in Köln aktiv. Finanziert wird das Ganze über Fördermitteln von Bund und Ländern, Spenden und Mitgliedsbeiträgen. Islamverbände und Moscheegemeinden sind nicht involviert.
Neue Ortsvereine in München, Ingolstadt und Memmingen geplant
"Unsere Angebote sollen Menschen im Alltag mehr integrieren, da spielt Religion gar keine so große Rolle", erklärt Sidra Engrou vom Projekt FIVE. Genau darin liegt möglicherweise das Erfolgsrezept. Denn einen einheitlichen muslimischen Wohlfahrtsverband - wie die katholische Caritas - gibt es bisher auch deshalb nicht, weil Muslime in Deutschland in vielen unterschiedlichen Verbänden organisiert sind.
Der Sozialdienst muslimischer Frauen umgeht dieses Problem, indem er unabhängig von den Verbänden bleibt und gleichzeitig offen für alle Muslime und Nicht-Muslime ist. So haben die muslimischen Frauen einiges erreicht, sagt Projektleiterin Ayla İnan: "Vor allem haben wir sichtbar gemacht, dass muslimische Menschen hier vor Ort leben."
Bis Ende des Jahres plant der Sozialdienst muslimischer Frauen, in Ingolstadt, Memmingen und München neue Ortsvereine zu gründen. Dann soll auch ein bayernweiter Landesverband entstehen. Ein nächster Schritt vielleicht: der erste bundesweite muslimische Wohlfahrtsverband in Deutschland.
Dieser Artikel ist erstmals am 23.01.2026 auf BR24 erschienen. Das Thema ist weiterhin aktuell. Daher haben wir diesen Artikel erneut publiziert.
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