"Ich bin ehrlich gesagt schon stolz", sagt Tunnelbauer Raphael Zuber und schaut auf den Plan des Kramertunnels. Seit mehr als sechs Jahren trägt er die Verantwortung für die Großbaustelle unter Garmisch-Partenkirchen. Im Tunnel frisst sich eine gigantische Maschine nach Norden. So breit wie die Röhre selbst. Sie rüttelt, sprüht, schneidet. In etwas mehr als zehn Arbeitstagen sollen rund 7.000 Kubikmeter Beton verbaut sein. Ein eigenes Mischwerk steht dafür am Nordportal.
- Zum Artikel: "Auerbergtunnel: Beendet er den Dauerstau Richtung Garmisch?"
Schon liegen 900 Meter Fahrbahn im Berg. Neun Meter pro Stunde frisst sich die Maschine durch die Röhre. Der Betonfertiger zieht eine helle Decke ein. Später schneidet ein Fugenschneider die Oberfläche in Fünf-Meter-Platten. Zuber erklärt: "Die Betonfahrbahn ist hell, die Wände sind hell, das spart später enorm Energie, wenn die Beleuchtung kommt." LED-Licht und weiße Beschichtung sollen den Tunnel sicher und effizient machen – für hundert Jahre.
"Biotop in seiner Funktion gestört"
Nur wenige Minuten Fahrt vom Südportal entfernt beginnt eine andere Welt. Am Fuß des Kramers, über dem Tunnel, liegen die Hangquellmoore. Früher: dauerhaft nasse Bergwiesen, Quellen, Rinnsale, seltene Pflanzen. Heute: gemähte Flächen, trockene Bachbetten, blaue Kunststoffleitungen.
"Diese Hangquellmoore sind bayernweit einmalig. Höchste Biotopklasse", sagt Andreas Keller vom Bund Naturschutz. Er steht auf einer Wiese, an einer Stelle, wo früher niemand gehen konnte, "weil alles nass war". Jetzt ist der Bach neben ihm trocken. Keller spricht von "unglaublicher Brutalität", weil schwere Maschinen ins Moor gefahren seien.
Für ihn ist das Biotop "in seiner Funktion gestört". Die seltenen Pflanzen. Frösche. Die winzige vierzähnige Windelschnecke. Sie alle sind auf konstantes, kühles Quellwasser angewiesen – acht Grad, Winter wie Sommer. Heute kommt das Wasser über Leitungen aus dem Lahnewiesgraben. Zwei Kilometer entfernt, mit veränderter Temperatur und Chemie. Keller nennt es "Augenwischerei", dass der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt werden kann.
Wiederherstellung des Grundwasserspiegels – kann das klappen?
Das Straßenbauamt widerspricht. Tunnelbauingenieur Zuber sagt: "Der Tunnel ist seit Dezember letzten Jahres dicht." Seitdem laufe die "Wiederaufspiegelung" des Grundwassers. Im Februar seien erste Hangquellen wieder angesprungen, insbesondere die Sonnbichlquelle. Seit April stünden "über 40 Meter Wassersäule über dem Tunnel". Doch 2026 ist bisher extrem trocken. Die künstliche Bewässerung läuft weiter. Aktuell werden nach Angaben Zubers nur noch ein bis drei Liter Wasser pro Sekunde in die Moore geleitet – deutlich weniger als früher.
Zweimal pro Woche kontrolliert die Behörde die Flächen. Quellen, Durchfeuchtung, die Situation der Windelschnecke – alles wird dokumentiert. Ein Rückbau der Leitungen ist erst geplant, wenn nachgewiesen ist, dass das System von allein funktioniert. Wie lange das dauern kann? Zuber sagt: "Derzeit ist es nicht zu prognostizieren."
Bund Naturschutz fürchtet um Quellen
Keller fürchtet jedoch, dass die Quellen vielleicht nie mehr in alter Stärke zurückkehren. Dann, so seine Schlussfolgerung, wäre die Abdichtung des druckfesten Stollens "nicht geglückt" – und Nacharbeiten im Berg nötig. Ein genaues Bild wird sich erst zeigen, wenn die Bewässerung zurückgebaut wird und geprüft werden kann, ob die Quellen am Kramer wieder von sich aus genügend Wasser liefern.
2028 soll der Kramertunnel als Ortsumgehung für den Verkehr freigegeben werden. Die Baukosten haben sich auf über 400 Millionen Euro vervierfacht. Parallel läuft das Planfeststellungsverfahren für den Wanktunnel über die Bundesstraße 2 in Richtung Mittenwald. Ein Baubeginn dort ist frühestens ab 2030 zu erwarten.
Am Kramertunnel gehen nach jahrelangen Verzögerungen die Bauarbeiten nun sichtbar voran.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht's zur Anmeldung!

