"Was waren das für krasse zwei Jahre", ruft Jan van Aken den Delegierten in Potsdam zu. Die Zeit an der Linken-Spitze sei ihm eine Ehre gewesen. Es ist sein voraussichtlich letzter Auftritt als Co-Parteichef. Und die linke Basis jubelt van Aken zu. Viele halten Schilder mit der Aufschrift "Danke" hoch, dazu minutenlanger Applaus.
Dem 65-Jährigen wird ein Teil des Wahlerfolgs zugeschrieben, den die Linke im vergangenen Jahr erzielt hat. Bei seinem Amtsantritt vor rund zwei Jahren hatten viele die Partei längst abgeschrieben. Doch dann zogen die Sozialisten bei der Bundestagswahl 2025 gestärkt wieder ins Parlament ein. Als ein Grund dafür wird van Akens Gespür für politische Kampagnen genannt, verbunden mit einem klaren Fokus auf den Kampf gegen hohe Lebenshaltungskosten.
Neue Doppelspitze für die Linke
Ebenfalls zum Erfolg der Linken dürfte beigetragen haben, dass van Aken und Ines Schwerdtner ziemlich geräuschlos an der Doppelspitze zusammengearbeitet haben. Nachdem sich van Aken wegen gesundheitlicher Probleme aus der ersten Reihe zurückzieht, wird Ines Schwerdtner in Zukunft mit einem anderen die Linke führen: Luigi Pantisano.
Schwerdtner fuhr mit knapp 86 Prozent ein starkes Ergebnis ein. Pantisano startet dagegen mit einer Schlappe ins neue Amt: lediglich 53 Prozent der Delegierten geben ihm das Vertrauen – dabei hatte der 46-Jährige keinen Gegenkandidaten. Entsprechend verhalten fällt sein Lächeln aus, als er nach der Wahl zusammen mit Schwerdtner Blumen entgegennimmt.
Pantisano will Arbeiter zurückgewinnen
Verhalten waren allerdings auch die Reaktionen auf seine vorangegangenen Auftritte beim Parteitag in Potsdam. Wieder und wieder empfahl er sich als Kind von Gastarbeitern, das sich hocharbeiten musste. Seine Eltern kamen vor Jahrzehnten aus Süditalien nach Deutschland. "Ich will die Werkstore für die Linke weit aufstoßen", so Pantisano. Das Ziel: Arbeiter für die Partei zurückzugewinnen – auch um eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt zu verhindern.
Doch der Funke will in Potsdam nicht überspringen. Was auch mit seinen Äußerungen zur CDU zusammenhängen dürfte. Erst zeigt er sich offen für eine Zusammenarbeit mit der Union. Dann rückt er sie in die Nähe der AfD, was er später relativiert. Damit hat Pantisano beide Lager in der Linken irritiert: diejenigen, die eine maximale Distanz zur Union halten wollen und diejenigen, die gerade in schwierigen Wahlkämpfen in Ostdeutschland stecken und nach den Wahlen voraussichtlich mit komplizierten Mehrheitsverhältnissen zurechtkommen müssen.
Linke ruft zu Protesten gegen Reformen auf
In einem Punkt aber herrscht Klarheit: Die Linke will "die Wut auf die Straße tragen", wie es Schwerdtner formuliert. Sie kündigt in Potsdam Proteste gegen die Reformen von Schwarz-Rot an. Die Partei-Co-Chefin spricht vom "größten Sozialraub" seit der Agenda 2010.
Ein Thema mit großem Konfliktpotenzial verhandelt die Linke gleich zu Beginn des Parteitags: Am Freitagabend ringen die Delegierten um eine gemeinsame Position zum Nahostkonflikt. Der Parteivorstand sieht keinen Grund für eine schärfere Formulierung als in bisherigen Beschlüssen. Doch Teile der Basis machen Druck. Am Ende steht ein Kompromiss: Die Linke betont das Existenzrecht Israels und das Recht der Palästinenser auf einen eigenen Staat. Die Partei spricht jetzt aber auch von einem Völkermord im Gazastreifen. Ein Begriff, der im Hinblick auf den Nahostkonflikt politisch und juristisch umstritten ist. Für die Linke selbst ist das Thema aber damit zunächst entschärft.
BR-Recherchen zur Linksjugend: Thema beim Parteitag
Ein anderes Problem schwelt dagegen weiter: die Vorgänge beim linken Jugendverband. Die BR-Recherchen dazu beschäftigen viele in Potsdam. Es geht unter anderem um eine Verharmlosung kommunistischer Diktatoren und der DDR sowie um antisemitische Äußerungen. Die Parteiführung hat sich noch vor dem Parteitag in diesem Punkt von der Linksjugend distanziert. Man sei mit dem Jugendverband im Gespräch.
Manche in der Partei fordern von der Parteiführung mehr Entschlossenheit: "Uns reichen Gespräche nicht mehr aus", sagt Maria Stephan von der Bundesarbeitsgemeinschaft Shalom, einem innerparteilichen Zusammenschluss. Sie fordert Konsequenzen. Doch ob es so kommt, ist auch nach dem Parteitag offen.
Im Video: Linke‑Parteitag - Führung will stärker bei Arbeitern punkten
Luigi Pantisano, neuer Co-Vorsitzender der Linken
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!

