Bis zu zehn Prozent aller Frauen in Deutschland sind Schätzungen zufolge von Lipödem betroffen: Viele von ihnen mussten sich lange anhören, sie seien einfach "zu dick" oder würden zu viel essen. Dabei ist Lipödem eine chronische Erkrankung, bei der sich krankhaft Fett vor allem an Armen und Beinen einlagert. Die Dunkelziffer liegt laut Experten vermutlich noch höher. In Einzelfällen können auch Männer erkranken. Betroffene leiden unter Schmerzen, Schwellungen, blauen Flecken und sind im Alltag stark eingeschränkt.
"Mach doch einfach mehr Sport!"
Seit über 20 Jahren geht es Steffi Wachsmann aus dem Landkreis Günzburg so. Auch bei ihr hieß es oft: "Mach doch einfach mehr Sport!". Davon nahm sie zwar am Oberkörper ab, nicht jedoch an den Beinen. Mit fortschreitender Krankheit wurde Bewegung immer schmerzhafter. Dann entschied sich Steffi Wachsmann für die Liposuktion, das operative Absaugen des "schlechten" Fetts. Fünf OPs hat sie inzwischen hinter sich. Einen ganzen Ordner voller Anträge und Arztbriefe hat sie gesammelt. Sie bekam die Kosten von einigen tausend Euro erstattet: eine Einzelfallentscheidung.
Anerkennung von Lipödem als Krankheit
Ein wichtiger Schritt für Patienten war deshalb die Anerkennung als Krankheit. Eine Studie (externer Link) kam zum Ergebnis: Die Liposuktion ist eine sinnvolle Operation für Menschen mit Lipödem. In der Folge erstellte der Gemeinsame Bundesausschuss G-BA Kriterien (externer Link) einen Kriterienkatalog. Ist dieser erfüllt, werden die Operationskosten übernommen.
Für Patientinnen, bei denen die Krankheit noch nicht weit fortgeschritten ist, bedeutet das eine wichtige Verbesserung: Jetzt werden die Kosten generell in jedem Stadium übernommen - wenn die Kriterien erfüllt sind.
Kriterien für viele Patientinnen nur schwer erfüllbar
Betroffene müssen vorweisen, dass sie sechs Monate lang eine konservative Therapie wie Lymphdrainage gemacht haben. Physiotherapeut Thomas Weindel aus Burgau sagt, dass die Nachfrage hoch sei, es aber wenig Therapeuten gebe, die das anbieten. Damit sei es schwer, an Termine zu kommen. Dennoch: Erst wenn solche Maßnahmen keinen ausreichenden Erfolg bringen, wird die OP bezahlt. Außerdem müssen Betroffene ihr Gewicht halten.
Eine weitere Hürde ist der vorgeschriebene Body-Mass-Index (BMI). Für eine Kostenübernahme müssen bestimmte Grenzwerte unterschritten werden – meist ein BMI unter 32 oder 35 (bei einer relativ schmalen Taille im Verhältnis zur Größe). Frauen im frühen Stadium erreichen das meist, sie profitieren deshalb besonders von der Neuregelung und können mit Hilfe der OP verhindern, dass sich das Lipödem weiter verschlimmert. Für viele langjährig Erkrankte ist diese Vorgabe jedoch kaum zu erfüllen.
Betroffene und Ärzte kritisieren Vorgaben
Marieluise Biesenbach aus Lauingen leitet eine Selbsthilfegruppe und steht mit Frauen in ganz Deutschland in Kontakt. Viele meldeten sich bei ihr, verzweifelt, weil sie den BMI nicht erreichen könnten. Ärzte bestätigen: Eine gewisse Gewichtsabnahme sei möglich, die "bösen" Fettzellen aber ließen sich nicht durch Diäten beeinflussen.
Auch Ärzte wie Fabian Weinschenk, Facharzt für plastische Chirurgie in München, kritisieren die neuen Vorgaben: Zum einen sei die Vergütung für ambulante Liposuktionen zu niedrig, er kenne "niemanden, der das dafür macht". Stationär hingegen dürfen Ärzte nur operieren, wenn mehr als drei Liter abgesaugt werden. Das sei nicht in jedem Fall medizinisch sinnvoll. Die Gewichtsabnahme einer Frau müsse auch individuell bewertet werden, anstatt strenge BMI-Grenzen vorzugeben. Er wünscht sich, die Entscheidung über das medizinische Vorgehen selbst treffen zu können, statt sich strikt nach Kassenregeln richten zu müssen.
Steffi hat Glück gehabt. Ihr Folgeantrag auf weitere Operationen wurde genehmigt, obwohl ihr BMI zu hoch ist. Die bisherigen OPs seien schmerzhaft gewesen, hätten ihr aber sehr geholfen. Am Ziel ist sie noch nicht. Ihr großer Wunsch: "Einfach mobiler sein, einfach losmarschieren zu allem, auf was ich Lust habe". Und zwar: ohne Schmerzen. Das wünschen sich viele Patientinnen, die trotz der Neuregelung weiterkämpfen müssen: mit strengen Vorgaben und den Belastungen ihrer Krankheit.
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