"Mein Großvater - der Nazi". Gegenüberstellung Andreas Bönte und sein Großvaters vor einem historisch geprägtem Hintergrund mit kaputter Synagoge, visuell inszeniert als generationsübergreifende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.
"Mein Großvater - der Nazi". Gegenüberstellung Andreas Bönte und sein Großvaters vor einem historisch geprägtem Hintergrund mit kaputter Synagoge, visuell inszeniert als generationsübergreifende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.
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Gegenüberstellung Andreas Bönte und sein Großvaters vor einem historisch geprägtem Hintergrund mit kaputter Synagoge.
Bildrechte: Andreas Bönte/picture alliance/brandstaetter images/Austrian Archives/Montage: BR
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Gegenüberstellung Andreas Bönte und sein Großvaters vor einem historisch geprägtem Hintergrund mit kaputter Synagoge.

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Mein Großvater – der Nazi: Schuld und Schweigen in der Familie

Mein Großvater – der Nazi: Schuld und Schweigen in der Familie

Der Journalist Andreas Bönte entdeckt nach dem Tod von Mutter und Onkel zwei verstaubte Kisten, die Licht in das dunkle Familiengeheimnis bringen: Sein Großvater Peter Wiborg war SA-Sturmführer und Täter in der Pogromnacht.

Über dieses Thema berichtet: Kontrovers am .

Zwei alte Pappkisten, modrig und lange vergessen, bringen Andreas Bönte endlich Gewissheit über seine Familiengeschichte. Als er die Kisten nach dem Tod seines Onkels findet, starrt ihm die Nazi-Vergangenheit seiner Familie entgegen. Denn darin sind hunderte Fotos und Dokumente – und ein Reichsadler aus Marmor auf einem Hakenkreuz.

Sein Großvater Peter Wiborg war offenbar Nationalsozialist. Kontrovers – Die Story begleitet ihn bei der Suche nach Antworten auf Fragen einer totgeschwiegenen Familiengeschichte: Was genau hat sein Großvater getan? Und wie geht man mit Schuld und Schweigen in der eigenen Familie um?

Die Familiengeschichte wurde Jahrzehnte verschwiegen

Dabei beschäftigt sich der langjährige Moderator von "report München" beruflich und privat seit Jahrzehnten mit NS-Geschichte und Erinnerungskultur, und kämpft gegen das Vergessen. Je mehr er sich mit der eigenen, lange verschwiegenen Familienvergangenheit befasst, desto klarer wird ihm: Sein Großvater Peter Wiborg war nicht nur Mitläufer. Er war Täter. Und beteiligt an einem historischen Wendepunkt.

"Das Novemberpogrom war ein alles verändernder Moment", sagt Mirjam Zadoff, Leiterin des Münchner NS-Dokumentationszentrums. Der Moment, in dem die nichtjüdische Bevölkerung akzeptiert habe, welche Gewalt vor der eigenen Haustür geschah. 1.400 Synagogen werden niedergebrannt, schätzungsweise 1.500 Juden werden getötet, zehntausende werden festgenommen und in Konzentrationslager verschleppt.

Peter Wiborg lebt im nordrhein-westfälischen Rheine. Seit 1934 war er SA-Sturmführer und überzeugter Nationalsozialist. Und er ist bei den Novemberpogromen in Rheine in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 eine der treibenden Kräfte. "Die Rheinenser Juden wurden nicht von irgendwelchen SS-Leuten aus Münster deportiert – sondern von ihren eigenen Nachbarn," sagt der Historiker André Schaper.

Im Video: Kontrovers - Die Story: Mein Großvater - der Nazi

"Hol fünf Liter Benzin": Rekonstruktion der Novemberpogrome

Dank Gerichtsakten und Archivrecherchen rekonstruieren Schaper und Andreas Bönte die Nacht der Novemberpogrome in Rheine: Wiborg soll als einer der Anführer gemeinsam mit 60 Männern zur Synagoge in Rheine gestürmt sein und mit einem Beil die Synagogentür eingeschlagen haben.

Dass Wiborg damals dabei ist, weiß Bönte zwar inzwischen, "dass er dann auch vorher gesagt hatte zu einem Kameraden: 'Hol fünf Liter Benzin', das war in dem Moment wirklich ein echter Schock", erinnert sich Andreas Bönte. In der Synagoge schieben die SA-Leute das Mobiliar zusammen, übergießen es mit Benzin und zünden es an. Es war eine von insgesamt 1.400 Synagogen in Deutschland, die in dieser Nacht niedergebrannt wurden.

Erst die Synagoge, dann jüdische Geschäfte und Wohnungen

Anschließend führt Wiborg seinen Trupp in die Stadt. "Sie hatten den Befehl gehabt, sie sollen in der Stadt demolieren. Das Ziel waren jetzt jüdische Geschäfte, das Ziel waren jetzt jüdische Wohnungen", so Bönte. Laut den Aufzeichnungen ziehen die Männer zum Textilhaus Anschel, einer der ältesten jüdischen Familien der Stadt. Sie verwüsten den Laden, während die Frauen der Familie Anschel Todesangst haben und sich unter der Treppe verstecken.

Caroline Anschel wird in dieser Nacht von Hitlerjungen körperlich brutal misshandelt. "Sie soll dabei so laut geschrien haben, dass die Schreie die ganze Straße hoch zu hören waren", sagt Schaper. Caroline Anschel stirbt wenige Wochen später an den Folgen dieser Verletzungen.

Sind Schuld und Trauma vererbbar?

"Wer in der Pogromnacht eine Synagoge anzündet und an Gewalttätigkeiten gegen Juden teilnimmt – das ist für mich überhaupt keine Frage, dass er ein Täter war", sagt Bönte heute. Peter Wiborg stirbt im Dezember 1944. Seine Tochter – Böntes Mutter – findet ihren Vater. Peter Wiborg hat sich im Keller seines Hauses erschossen. Doch auch darüber hat sie nie gesprochen. Die Folge: Jahrzehntelange schwere Angststörungen und Depressionen. Auch Andreas Bönte erleidet mit Mitte 30 eine schwere Angsterkrankung.

Der Psychologe Louis Lewitan beschäftigt sich mit vererbten NS-Traumata. Er sagt, nicht aufgearbeitetes seelisches Gift wird in kleinen Dosen weitergereicht – bleibt aber trotzdem giftig und wirkt. Und dennoch: "Durch diese Recherche habe ich plötzlich Wurzeln bekommen", sagt Bönte in der Dokumentation von Kontrovers – Die Story. Er will jetzt auch in Schulen gehen, um dort die Geschichte seines Großvaters und seiner Familie zu erzählen.

Dieser Artikel ist erstmals am 1. April 2026 auf BR24 erschienen. Das Thema ist weiterhin aktuell. Daher haben wir diesen Artikel erneut publiziert.

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