Unter einer Unterführung nahe dem Münchner Hauptbahnhof zeigt Ellen Mayrhofer auf ein erhöhtes Plateau. Die Streetworkerin kennt die Gegend seit rund 20 Jahren. "Ursprünglich war hier nur diese Plattform und man konnte sich gut hinlegen und schlafen", sagt sie. Später seien Verstrebungen angebracht und Platten installiert worden, "damit dort keine Liegefläche mehr ist". Nachvollziehbar sei das aus Sicht der Verantwortlichen gewesen, erzählt sie, weil alles voller Tauben gewesen sei, eine Schutzmaßnahme aus gesundheitlichen Gründen. Was früher Schutz vor Regen bot, ist heute verbaut.
Kritiker sprechen von "menschenfeindlicher" oder defensiver Architektur. Gemeint sind bauliche Maßnahmen, die verhindern sollen, dass Menschen im öffentlichen Raum schlafen, etwa Armlehnen auf Bänken, Spikes auf Mauern oder gezielt platzierte Fahrradständer.
Sichere Aufenthaltsorte fallen weg
Aus Sicht der Stiftung Obdachlosenhilfe Bayern nehmen Aufenthaltsverbote und Platzverweise im öffentlichen Raum zu. Solche Maßnahmen lösten die zugrunde liegenden Probleme häufig nicht, sondern verlagerten sie nur. Defensive Architektur verschärfe die Situation: Sichere Aufenthaltsorte fielen weg, Wege würden länger, der Zugang zu Hilfsangeboten schwieriger. Das erhöhe gesundheitliche Risiken und verstärke Ausgrenzung.
Der Münchner Streetworker Uwe Stoye erlebt das im Alltag. Früher habe man gewusst, wo Menschen anzutreffen seien. "Jetzt verbringen wir relativ viel Zeit damit, dass wir die Leute suchen müssen."
Immer weniger überdachte Orte
Gerade im Winter seien überdachte Orte wichtig, Arkaden oder geschützte Eingänge im Stadtzentrum. Doch auch dort werde umgebaut. An einem früheren Schlafplatz stehen inzwischen Fahrradständer, so angeordnet, dass dort niemand mehr liegen kann. "Da hatten wir früher eine größere Gruppe von schlafenden Personen", sagt die Streetworkerin Mayrhofer. "Dann wurde geräumt, und stattdessen wurden Fahrradständer errichtet."
Notunterkünfte werden gemieden
Positiv bemerkt Stoye aber auch, dass es immer mehr Anlaufstellen für obdachlose Menschen in München gibt; auch in anderen bayerischen Städten gibt es Notunterkünfte für Obdachlose. Doch nicht alle nehmen sie in Anspruch. Streetworker berichten, manche Menschen würden die Unterkünfte wegen psychischer Erkrankungen oder schlechter Erfahrungen meiden. Wenn geschützte Orte im öffentlichen Raum wegfallen, werde das Leben auf der Straße noch schwieriger.
Auch die Diakonie München und Oberbayern betont, die Stadt treffe Entscheidungen über Räumungen der "Schlaflager" nicht leichtfertig. Vorstandssprecherin Andrea Betz sagt, es gebe Arbeitsgruppen, in denen Sozialverbände ihre Sicht einbringen. Gleichzeitig stellt sie fest: "Wer keinen festen Ort mehr hat, ist schwerer erreichbar."
Experten: Defensive Architektur löst keine Probleme
Für die Stiftung Obdachlosenhilfe sendet defensive Architektur auch ein gesellschaftliches Signal: Bestimmte Menschen seien im öffentlichen Raum nicht erwünscht. Probleme würden dadurch weniger sichtbar, aber nicht gelöst. Zugleich gebe es positive Ansätze, etwa mehr aufsuchende Sozialarbeit und eine bessere Vernetzung von Ordnungs- und Sozialdiensten. Die zentrale Herausforderung bleibe jedoch der angespannte Wohnungsmarkt, besonders in Ballungsräumen wie München. Der Weg aus der Wohnungslosigkeit sei dadurch massiv erschwert.
Aufsuchende Hilfen essenziell
Das bayerische Sozialministerium setzt nach eigenen Angaben auf Beratung und aufsuchende Hilfen. Das Baureferat der Stadt München teilt mit, öffentliche Räume würden inklusiv geplant: Strategien gegen bestimmte Gruppen verfolge man nicht. Für die Streetworker bleibt dennoch klar: Je weniger geschützte Orte es im öffentlichen Raum gibt, desto wichtiger werden verlässliche Anlaufstellen und bezahlbarer Wohnraum. Nur so lasse sich Wohnungslosigkeit langfristig wirksam reduzieren.
Im Video: "Menschenfeindliche Architektur": Wie sie Städte verändert
Die Aufschrift "Menschenfeindliche Architektur" an einer Wand unter einer Unterführung in München.
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