Es sind eindrückliche Bilder, zum Teil schwer erträglich: Ein Jugendlicher, Tom, prügelt als Teil einer rechtsextremen Gruppe so lange auf einen anderen ein, bis dieser fast tot ist. "Hab wie ein Geistesgestörter auf diesen Kopf eingeschlagen", so erinnert er sich. Ins radikale Umfeld ist Tom zunächst geraten, weil er gemobbt wird und Anschluss sucht. Er liebt die harte Musik – und vor allem den Alkohol.
Wie radikalisieren sich junge Menschen im Netz? Darüber spricht BR24 live um 16 Uhr mit Daniela Marckmann, Leiterin der Bayerischen Informationsstelle gegen Extremismus, und Anna-Lena von Hodenberg von HateAid. Den Livestream finden Sie oben eingebettet über diesem Artikel.
Immer wieder kommt er mit dem Gesetz in Konflikt, muss ins Gefängnis, bis er so verzweifelt ist, dass er sich am liebsten umbringen würde. Er merkt: Richtige Freunde hat er in der rechtsextremen Szene nicht. Mit Mühe gelingt ihm der Ausstieg aus der Szene, noch heute ist Tom in psychiatrischer Behandlung.
Wahre Geschichten, die aufwühlen
Es sind wahre Geschichten wie die von Tom, mit denen das Innenministerium sowie die Bayerische Informationsstelle gegen Extremismus aufklären wollen. In zwei Kurzfilmen werden die Geschichten von vier Jugendlichen beziehungsweise jungen Männern gezeigt, die aus verschiedenen Gründen in die rechtsextreme Szene abgedriftet sind, später aber den Ausstieg geschafft haben. Zum Teil berichten die Aussteiger anonymisiert selbst über ihre Vergangenheit, zum Teil werden Szenen aus ihrem Leben von Schauspielern nachgespielt.
Den Schülern, die die Filme in einer Spezialvorführung in der Hochschule für Fernsehen und Film zu sehen bekommen, ist die Betroffenheit anzusehen. Isabell aus der 11. Klasse eines Münchner Gymnasiums sagt, es sei etwas anderes, in den Nachrichten über Extremismus zu hören als konkrete Geschichten von Menschen kennenzulernen – sie ist von den Filmen beeindruckt.
Hoffnung auf Sensibilisierung des Umfelds von Jugendlichen
Daniela Marckmann, die Leiterin der Bayerischen Informationsstelle gegen Extremismus, hofft darauf, dass vor allem das soziale Umfeld von Jugendlichen durch die Kurzfilme sensibilisiert wird: Wenn Lehrer in Schulen oder Menschen in Vereinen ein Gespür dafür bekämen, was bei Jugendlichen möglicherweise schief läuft, wäre schon viel gewonnen, sagt Marckmann. Zum Teil wurden die ausstiegswilligen Jugendlichen von ihrer Informationsstelle beraten.
Herrmann: Sorge vor schneller Radikalisierung im Netz
Aus diesem Grund sollen die Filme und die dazu gehörigen Social-Media-Aktivitäten gerade über Schulen und Jugendtreffs sowie über Vereine und die Jugendarbeit, zum Beispiel der Kirchen, verbreitet werden, sagt der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Ihm bereite die schnelle Radikalisierung von Kindern und Jugendlichen über soziale Medien große Sorgen; umso wichtiger seien solche Aktionen zur Prävention.
Medienwissenschaftler: Inhalte auch strategisch weiterverbreiten
Allerdings dominieren auf den großen Social-Media-Plattformen häufig radikale Inhalte. Darauf weist der Medienwissenschaftler Jonas Schützeneder von der Universität der Bundeswehr in München hin. Daher reiche es nicht, gute Inhalte für Jugendliche zu produzieren, sondern man müsse auch strategisch für eine große Verbreitung sorgen. Schützeneder spricht von "Verstärkungseffekten", wenn bestimmte Angebote im Netz von anderen weiterverbreitet und geliked werden. Ein Vorgehen, das radikale Gruppierungen bislang besser beherrschen als die demokratische Mitte, wie Schützeneder beklagt.
Doch auch er begrüßt, dass mithilfe von Aktionen wie denen zur Rechtsextremismus-Prävention Aufmerksamkeit für ein Problem geschaffen werde – und mit der Aufmerksamkeit auch die Bereitschaft wachse, selbst tätig zu werden und radikalen Tendenzen entgegenzutreten.
So wie es im Film gezeigt wird: Da wird Tom, der inzwischen Vater ist, von seinem Sohn mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert – er sei Nazi gewesen, habe sogar jemand umgebracht, so lauten die Gerüchte. Über all das spricht er mit seinem Sohn und hat dabei vor allem ein Ziel: Er will seinen Sohn davor bewahren, auch einmal auf die schiefe Bahn zu geraten – schließlich habe er "eine Riesenangst davor, dass du so wirst, wie ich einmal war."
Zum Video: Kampagne soll beim Ausstieg aus dem Rechtsextremismus helfen
Eine neue Kampagne des bayerischen Innenministeriums soll zum Ausstieg aus rechtsextremistischen Kreisen motivieren.
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