Einmal im Jahr steigen Wissenschaftler den Berg hinauf zur sogenannten Fledermaus-Kartierung. Drei Nächte lang erkunden sie die Höhlen im Nationalpark Berchtesgaden, um mehr über die Fledermäuse herauszufinden, die hier leben. "Wir wollen gezielt Höhlen untersuchen, weil wir glauben, dass sie großes Potenzial als Quartiere für Fledermäuse haben – sowohl tagsüber als auch im Winter", sagt die Biologin Hanna Kastein vom Nationalpark Berchtesgaden.
Geheime Höhle: Sensationsfund im Hagengebirge
Auf über 2.000 Metern Höhe sitzt sie mit dem Biologen Simon Ripperger vom Landesamt für Umwelt auf einem Felsvorsprung, weit weg vom nächsten Wanderweg. Durch unwegsames Gelände sind sie zum Seeleinsee im Hagengebirge aufgestiegen und sitzen nun am Eingang eines rund 1.000 Meter langen Höhlensystems.
Der genaue Ort bleibt geheim. Nicht zuletzt, weil den Biologen hier im vergangenen Jahr ein Sensationsfund gelungen ist, wie Hanna Kastein berichtet: "Letztes Jahr haben wir hier an diesem Höhlensystem eine Bulldog-Fledermaus gehört, die vorbeiflog. Das war etwas Besonderes." Ihre Rufe seien so tief, dass man sie nicht mit bloßem Ohr, sondern nur mit einem speziellen Detektor wahrnehmen könne.
Zwar ging die Fledermaus nicht ins Netz, der Fund war dennoch außergewöhnlich. Denn die Sichtung war erst der fünfte Nachweis für die Bulldog-Fledermaus in ganz Bayern – und der erste im Nationalpark Berchtesgaden.
Paarungszeit im Nationalpark Berchtesgaden
Bereits zum vierten Mal findet die Kartierung der streng geschützten Tiere im Nationalpark statt. Jetzt ist die beste Zeit dafür, sagt Simon Ripperger vom Landesamt für Umwelt, denn im Spätsommer ist Paarungszeit. "Die Fledermäuse treffen sich an solchen Höhlen zum Schwärmen. Sie balzen dort und mit etwas Glück kann man richtige Verfolgungsflüge beobachten", sagt der Biologe. "Dieses Verhalten zeigt sich nur an wenigen Tagen im Jahr – wir wissen noch nicht genau, wann. Unsere Hoffnung ist, dass heute eines dieser Schwärm-Ereignisse stattfindet."
15 Fledermausarten gibt es im Nationalpark Berchtesgaden. Doch um sie untersuchen zu können, müssen die Biologen sie erstmal fangen. Dafür spannen die Biologen ein sehr feines Netz aus dünnen Nylonschnüren vor den Eingang der Höhle: eine Technik, die ursprünglich aus dem Vogelfang stammt. Das Netz soll möglichst die gesamte Fläche abdecken, damit die Fledermäuse beim Herausfliegen darin hängen bleiben und untersucht werden können.
Nachtarbeit am Höhleneingang: Detektor meldet Fang
Im Dunkeln beobachten die Forschenden den Eingang der Höhle mit einem Fledermausdetektor, der Ultraschallrufe in hörbare Signale umwandelt. Als das Gerät Aktivität anzeigt, kontrollieren sie das vor dem Höhleneingang gespannte Netz und finden darin eine kleine Fledermaus, die von Simon Ripperger aus dem Netz gelöst wird.
Die beiden Biologen bestimmen Gattung, Art, Größe und Geschlecht der Fledermaus. Um die Art herauszufinden, müsse man auf verschiedene Merkmale achten, erklärt Ripperger: "Wir gucken der Fledermaus zuerst ins Ohr. Wenn sie einen sehr spitzen Ohrdeckel hat, gehört sie zur Gattung der Mausohren. Bei dieser Art ist der Ohrdeckel sehr klein: Das deutet auf Bartfledermäuse hin." Außerdem untersuchen sie die Tiere auf mögliche Verletzungen. Die Informationen fließen in das europäische Schutzprogramm Fauna-Flora-Habitat (FFH).
Schritt für Schritt mehr Erkenntnisse
Nach der Bartfledermaus gehen noch zwei weitere Tiere ins Netz. Hanna Kastein hält eine von ihnen geschützt in einem Frottee-Tuch in ihrer Hand. Die Fledermaus hat auffallend große Füße mit sehr langen Zehen, was typisch für Wasserfledermäuse ist, sagt die Biologin: "Das liegt daran, dass sie häufig über Wasser jagen und dabei Insekten direkt von der Wasseroberfläche mit den Füßen aufnehmen."
Bis Mitternacht konnten Hanna Kastein und Simon Ripperger drei Fledermäuse untersuchen. Das erhoffte Schwärm-Ereignis ist bislang ausgeblieben, aber zwei Nächte liegen noch vor Ihnen. Und letztlich zählt jedes Detail, um das große Puzzle an Wissen über die Fledermäuse im Nationalpark Berchtesgaden zusammenzusetzen.
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