Johannes Eben hat eine schlechte Nachricht für alle Recyclingfans: "Die Recyclingquote ist noch nicht da, wo sie hinsoll." Und das, obwohl das Deckel-Abziehen vom Joghurtbecher hierzulande doch fester Bestandteil des Haushaltsknigge ist. Doch Johannes Eben von der Hochschule Rosenheim beeilt sich gleich mit einer Einordnung: "Bei PET-Flaschen haben wir schon eine 99-prozentige Recyclingquote", sagt er. Aus dem Plastik werden wieder neue PET-Flaschen.
Doch auch wenn die Verwendung von bereits benutztem Plastik in den vergangenen Jahren zugenommen hat, wird noch immer Kunststoff verbrannt (externer Link). Und genau da will Johannes Eben ansetzen: "Wir müssen es irgendwie schaffen, den Erfolg in andere Bereiche zu übertragen." Zum Beispiel: Aus alten, abgeriebenen Fußmatten fürs Auto wieder neue Matten machen. Und das wirtschaftlich rentabel, so die Hoffnung.
Von der linearen Wirtschaft zur Kreislaufwirtschaft
Das neue Zentrum für Kreislaufwirtschaft und Recycling (ZKR) der Hochschule Rosenheim soll genau dabei helfen. In drei unscheinbaren Räumen in einem Industriegebiet von Waldkraiburg sollen Ideen entstehen mit dem Ziel, aus einer "linearen Wirtschaft eine Kreislaufwirtschaft" zu machen. Dafür haben die Organisatoren ordentlich Rückenwind von der Industrie bekommen: 90 Prozent der Technik in dem Zentrum sind eine Leihgabe oder eine Zuwendung von verschiedenen Firmen gewesen, so Eben.
Da ist zum Beispiel die Firma Getecha aus Aschaffenburg, die Geräte zum Plastikschreddern baut. Mit Krauss Maffei hat die TH Rosenheim gemeinsam eine Spritzgussmaschine entwickelt, mit der recycelter Kunststoff in Form gespritzt werden kann. Oder die Firma Netzsch, zugleich der Vermieter in Waldkraiburg, die ihre Analysegeräte mit den Daten des ZKRs noch verbessern möchte.
Maschinen im Wert von zwei Millionen Euro
So können interessierte Firmen, Forschungsgruppen oder Studierende unter einem Dach die notwendige Infrastruktur finden, die sie brauchen, um aus Abfällen ein neues, wertvolles Produkt zu schaffen: Analysetechnik, Werkräume, und eine kleine Produktionsstraße zum Testen. In der Summe, schätzt Eben, stünden in den Hallen Maschinen im Wert von zwei Millionen Euro. Gefördert wird das Projekt außerdem von der High-Tech-Agenda-Bayern, der milliardenschweren Investitionsinitiative des Freistaats Bayern.
Waldkraiburg mit Standort-Vorteil
Dass das Prestigeprojekt nach Waldkraiburg gekommen ist, ist wohl maßgeblich dem ehemaligen bayerischen Umweltminister Marcel Huber (CSU) zu verdanken, der gebürtig aus dem nahegelegenen Mühldorf am Inn kommt. "Waldkraiburg ist ein Industriestandort mit Kunststoffen, mit Gummi, mit thermoplastischen Elastomeren", sagt er. "Wenn diese Kunststoffe in Verruf geraten, weil sie in der Umwelt landen, dann ist es für diese Firmen zwingend, sich des Recyclinggedankens anzunehmen." Dass nun genau hier Wissenschaft und Unternehmen zusammengeführt werden, sei eine ideale Konstruktion, findet er.
Nun - rund acht Jahre nach der ersten Ankündigung des Zentrums - wird Hubers Herzensprojekt endlich eröffnet: "Heute ist Waldkraiburg mal das Zentrum von Bayern", sagte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) in seiner Eröffnungsrede.
Nicht nur Firmen sollen profitieren
Doch nicht nur bereits etablierte Firmen sollen die Infrastruktur nutzen können: Auch Forschungsteams sollen an ihren neuen Ideen tüfteln können, Start-Ups bei ihren ersten Gehversuchen die nötige infrastrukturelle Unterstützung erhalten und Schüler - etwa von der Berufsschule Wasserburg am Inn - sollen am ZKR aus- und weitergebildet werden.
Biokunststoff aus Sägespänen
Ein erstes Team hat sich bereits in den Räumen des ZKR eingefunden. Das Team um Lukas Peterbauer und Vitus Zenz von der Hochschule Rosenheim forscht daran, Biokunststoff aus Sägespänen zu machen. Der zentrale Vorteil: Würde dieser Prozess wirtschaftlich rentabel werden, müssten Firmen nicht mehr auf umweltschädliches Erdöl zurückgreifen.
Peterbauer und Zenz fühlen sich im ZKR gut aufgenommen: "Noch haben wir kein Start-up gegründet, aber wir werden hier so behandelt wie eins." Ihr Ziel: Die Forschung so erfolgreich voranzutreiben, dass der Traum vom eigenen Start-Up wahr wird. Das wäre auch für ZKR-Leiter Eben es ein erster Erfolg. Sein Ziel: Alle zwei Jahre soll sich mindestens ein Start-Up aus dem Zentrum ausgründen.
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