Mit einer großen Schere schneidet ein Patient eine Form aus einem Stück Leder aus. Ergotherapie mit Handarbeit und Werken sind Teil des Therapieprogramms, das der 56-Jährige, der anonym bleiben möchte, am Isar-Amper-Klinikum im Münchner Osten absolviert. Drei Wochen wurde er hier stationär behandelt – wegen seiner Alkoholabhängigkeit. Jetzt ist er in einem sogenannten Flex-Konzept. Das bedeutet: Der Patient kann flexibel stationär, in der Tagesklinik oder zuhause behandelt werden. Und das, ohne, dass Ärzte oder Therapeuten wechseln. In Bayern ist das ein Novum bei der Versorgung psychisch erkrankter Menschen. In einigen anderen Bundesländern laufen ähnliche Modellversuche.
Versorgung soll näher an Bedürfnissen der Patienten sein
Am Isar-Amper-Klinikum in Haar bei München ist das Projekt zu Jahresbeginn gestartet. Es ist das erste im Freistaat. Bayern setzt damit ein zentrales Vorhaben der Bundesregierung um: In § 64b im Sozialgesetzbuch des Bundes ist die Weiterentwicklung der Versorgung psychisch erkrankter Patienten explizit vorgesehen. Ein Kerngedanke dabei: flexiblere und so genannte "sektorübergreifende" Behandlungsformen. "Wir denken nicht mehr nur in stationär und ambulant getrennt, sondern wir schauen, dass wir die Kapazitäten, die wir auch in der psychiatrischen Versorgung haben, bestmöglich einsetzen für den Menschen", so Gesundheitsministerin Judith Gerlach (CSU).
Auch die Finanzierung erfolgt nicht mehr getrennt nach stationärer, teilstationärer oder ambulanter Behandlung. Der ärztliche Leiter des Klinikums Peter Brieger erklärt, es gibt jetzt ein Gesamtbudget für den Modellversuch.
Zuhause der Patienten muss geschützt werden
Die Idee kommt auch bei Menschen, die selbst Psychiatrie-Erfahrung haben, gut an. Der Geschäftsführer des Vereins Münchner Psychiatrie-Erfahrene, Mirko Bialas, sorgt sich gleichzeitig um die Privatsphäre der Patienten. Es sei wichtig, die "Unverletzlichkeit des häuslichen Raumes" zu wahren.
Außerdem fordert Bialas, die Politik müsse ganz generell die Strukturen vor Ort stärken, um Menschen mit psychischen Herausforderungen zu unterstützen.
Kinder und Jugendliche sollen in Vorhaben integriert werden
Das Projekt am Isar-Amper-Klinikum ist auf acht Jahre angelegt. Danach soll in einer Evaluation überprüft werden, ob es sich bewährt hat. Doch ähnliche Modellprojekte in anderen Bundesländern weisen bereits Erfolge auf, so Klinikleiter Peter Brieger. Deshalb setzt Gesundheitsministerin Gerlach auch darauf, dass andere Kliniken im Freistaat ähnliche Projekte aufsetzen. Die Krankenkassen seien dazu bereit.
Ausdrücklich fordert die Ministerin, das Projekt möglichst zeitnah auch auf die Kinder- und Jugendpsychiatrie auszuweiten, sodass "Kinder eben nicht nur darauf angewiesen sind, stationär untergebracht zu werden, sondern auch mit Blick auf familiäre Strukturen der ambulante Bereich sehr viel Sinn machen kann", so Gerlach.
Vorstellung des Modellprojekt zur besseren Versorgung psychisch Erkrankter am Isar-Amper-Klinikum in München
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