Der 78-jährige Leibl Rosenberg betrachtet sorgfältig ein rot eingeschlagenes Buch. Im Auftrag der Stadt Nürnberg untersucht er Bücher, die im Dritten Reich von den Nazis geraubt wurden. Er will die rechtmäßigen Besitzer finden und die Bücher zurückgeben. "Ein Buch ist ein besonderes persönliches Eigentum. Es ist ein Stück Leben", sagt Rosenberg. Die Rückgabe ermögliche zumindest ein wenig Gerechtigkeit, ist der Historiker überzeugt.
"Stürmer-Archiv": 9.000 geraubte Bücher
Im Magazin der Nürnberger Stadtbibliothek lagern 9.000 Bücher aus dem sogenannten Stürmer-Archiv. Julius Streicher, der Herausgeber des NS-Hetzblattes "Der Stürmer", hatte sich aus erbeuteten Büchern eine Sammlung angelegt. Nach dem Krieg übergaben die Amerikaner die Bücher der Israelitischen Kultusgemeinde.
Zahlreiche Bücher sind religiöse Abhandlungen, aber auch literarische Werke und Sachbücher reihen sich in den Regalen aneinander. Die Sammlung umfasst nicht nur Bücher von Juden, sondern auch von Freimaurern, Kommunisten, christlichen Geistlichen und anderen Opfern der Nazis.
Bücher aus dem ehemaligen "Stürmer-Archiv" lagern im Magazin der Stadtbibliothek Nürnberg.
Der Fall H. Langnas
Bei mehr als 1.000 Büchern konnte Rosenberg bereits die Herkunft klären. "Ich hätte nie gedacht, dass man so viele Leute finden kann. Gleichzeitig ist mir bewusst, von den allermeisten finde ich nie mehr eine Spur", sagt Rosenberg. Die Nazis hatten ganze Familien ausgelöscht.
Das rot eingebundene Buch aus dem Jahr 1901 ist sein aktueller Fall. Der Titel: "Berühmte israelitische Männer und Frauen in der Kulturgeschichte der Menschheit." Das Buch ist sehr gut erhalten. Auf der zweiten Seite findet sich ein Hinweis auf den Besitzer. Dort steht unter dem Stempel des "Stürmers" in feinsäuberlicher Handschrift: H. Langnas.
Leibl Rosenberg kann das Buch Henryk Henoch Langnas aus Lodz in Polen zuordnen. Langnas überlebte den Holocaust nicht, er starb wahrscheinlich in Auschwitz. Aber er hat Nachfahren – einer ist der Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde in Nürnberg, Steven Langnas.
Emotionale Rückgabe
Und so kann Rosenberg das Buch persönlich zurückgeben. Steven Langnas nimmt das Buch vorsichtig entgegen. "Ich habe fast keine Worte, was es mir bedeutet, das Buch in der Hand zu halten. Mein Verwandter hat nicht überlebt, aber das Buch schon", sagt Langnas, der das Buch auch für die nächsten Generationen in seiner Familie bewahren möchte.
Der 78-jährige Rosenberg will weitermachen, so lange seine Gesundheit es zulässt, immer in der Hoffnung, von vielen anderen Büchern noch die rechtmäßigen Besitzer oder Nachkommen zu finden.
Dieses von den Nazis geraubte Buch konnte wieder zurückgegeben werden.
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