Bayerischen Ermittlern ist ein internationaler Schlag gegen ein ganzes Netzwerk von Darknet-Plattformen gelungen. Dort wurde auf zigtausenden Internetseiten Missbrauchsdarstellungen von Kindern gegen die Kryptowährung Bitcoin zum Kauf angeboten. Laut Ermittlern handelte es sich um reine Betrugsseiten. Das bezahlte Material lieferte der Betreiber nicht. Allerdings waren auf den Vorschaubildern, mit denen potenzielle Kunden zum Kauf gelockt werden sollten, schwere Formen sexuellen Kindesmissbrauchs zu sehen.
- Zum Artikel: Gefährliche KI: Neue Dimension des Kindesmissbrauchs
23 Staaten an weltweiter Aktion beteiligt
Mitte 2021 hatten das Dezernat Cybercrime beim Bayerischen Landeskriminalamt (BLKA) und das Zentrum zur Bekämpfung von Kinderpornografie und sexuellem Missbrauch im Internet (ZKI) bei der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg die Ermittlungen aufgenommen. Es sei ein "großartiger Ermittlungserfolg", sagte Bayerns Justizminister Georg Eisenreich (CSU), der den aktuellen Stand zusammen mit ZKI-Leiter und Oberstaatsanwalt Stephan Schäl am Freitag vorstellte.
Im Video: Operation Alice - Schlag gegen Darknet-Netzwerk
Schlag gegen Darknet-Netzwerk
Durchsuchungen in Landkreisen Forchheim und Main-Spessart
Nun erfolgte unter dem Namen "Operation Alice" zwischen dem 9. und 19. März eine weltweite Aktion gegen rund 600 Plattform-Nutzer, von denen bislang 440 identifiziert worden seien. Sie sollen zwischen Februar 2020 und Juli 2025 Zahlungen für Missbrauchsdarstellungen auf den Plattformen bezahlt haben. Insgesamt waren 23 Staaten beteiligt, neben europäischen auch Australien, Kanada und die USA. Die europäische Polizeibehörde Europol übernahm die internationale Koordination.
In Deutschland fanden im Zuge der "Operation Alice" 14 Durchsuchungen in neun Bundesländern statt, davon zwei in den bayerischen Landkreisen Forchheim und Main-Spessart. Laut BLKA wird insgesamt gegen 14 Tatverdächtige ermittelt. Über den gesamten Zeitraum seit 2021 wurden demnach deutschlandweit Ermittlungsverfahren gegen 89 Beschuldigte geführt.
Nach chinesischem Tatverdächtigen wird international gefahndet
Trotz verschleierter Krypto-Zahlungen habe man auch den Betreiber des Darknet-Netzwerks identifizieren können. Bei dem mutmaßlichen Haupttäter handelt es sich demnach um einen 36-jährigen Chinesen, der den Ermittlern zufolge auch in China wohnt. Nach ihm wird mit internationalem Haftbefehl gefahndet.
Er soll das Betrugsnetzwerk mit über 370.000 Internetseiten betrieben und dafür rund 120 Varianten tausendfach vervielfältigt haben. Diese Seiten wurden vom BLKA im Zuge der "Operation Alice" stillgelegt und mit einem Beschlagnahmebanner versehen. Neben Missbrauchsdarstellungen soll der tatverdächtige Betreiber unter anderem auch illegal Kreditkartendaten angeboten haben.
Über drei Millionen Zugriffsversuche seit Stilllegung
Auf allen Plattformen habe es circa 10.000 Zahlungen über zusammengerechnet etwa 18 Bitcoins gegeben. Diese haben laut Oberstaatsanwalt Schäl aktuell einen Wert von rund 1,1 Millionen Euro. Der tatsächlich erbeutete Betrag dürfte jedoch deutlich höher liegen.
Seit Stilllegung der Webseiten am 17. März habe es bereits über drei Millionen Zugriffsversuche gegeben. "Da sieht man die Dimensionen und das Interesse an Personen im Darknet, diese Seiten aufzurufen", so Schäl. Die Ermittlungen im Gesamtkomplex dauern an.
"Verstörende, harte Inhalte"
Ihren Anfang nahmen sie 2021, nachdem das Dezernat Cybercrime und das ZKI auf die Darknet-Plattform "Alice with Violence CP" gestoßen waren. "An den Worten Violence für Gewalt und CP für Kinderpornografie – Child Pornographie – erkennen Sie schon, worum es auf diese Seite gegangen ist", sagte Schäl. Auf der Startseite gab es demnach Bilder "von Kleinkindern, die schwer sexuell misshandelt wurden und dabei gefesselt waren, also wirklich verstörende, harte Inhalte".
Mithilfe spezieller Ermittlungswerkzeuge sei man auf das weitaus größere Gesamtnetzwerk gekommen. Durch ein Analysetool zur Verfolgung von Zahlungsströmen habe man Zugriffe der Beschuldigten auf die Plattformen und Käufe belegen können.
Bei einer Gefahr für Kinder habe man das Verfahren an die zuständige Polizeibehörde abgegeben, um unmittelbar Maßnahmen zu ergreifen – beispielsweise, wenn Kinder bei Tatverdächtigen wohnten. Demnach gab es zum Beispiel im August 2023 eine Durchsuchung bei einem 31-jährigen Familienvater aus dem Landkreis Starnberg, der für Missbrauchsdarstellungen bezahlt hatte. Er sei inzwischen rechtskräftig verurteilt.
IP-Adressen bald länger gespeichert? Eisenreich will höhere Strafen
Justizminister Eisenreich fordert, die Mindeststrafe für Betreiber von Plattformen, auf denen Darstellungen sexueller Gewalt an Kindern angeboten werden, von sechs Monate auf drei Jahre zu erhöhen. Außerdem lobte er ein auf Bundesebene geplantes Gesetz zur Einführung einer IP-Adressspeicherung. Es soll Internetanbieter verpflichten, IP-Adressen für drei Monate zu speichern. Bislang geschieht das, wenn überhaupt, nur wenige Tage. Ermittler sollen so gegebenenfalls Anschlussinhaber länger identifizieren können. "Das ist gut, das ist wichtig, das ist notwendig, es ist aber auch überfällig", so Eisenreich.
BR24live: Schlag gegen Kinderpornographie:
Bayerns Justizminister Georg Eisenreich bei der Pressekonferenz zur "Operation Alice".
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!


