Anfang des Jahres verschickt der bayerische AfD-Landesvorstand eine Mail. Betreff: "Politische Akademie Bayern: Kandidaten-Auswahl (…)". Die Mail liegt dem BR vor. Es geht um ein dauerhaftes parteiinternes Bildungsangebot. "Professionalisierung" sei der "Schlüssel" der AfD auf dem Weg in die "Regierungsverantwortung", heißt es. Für diese "mittelfristig (…) anstehende Herausforderung" wolle man einen "breiten Pool an Nachwuchskräften bilden".
AfD soll vor Ort professioneller werden
Der bayerische Landesvorsitzende Stephan Protschka bestätigt im Gespräch mit dem BR: Die AfD in Bayern will in Zukunft Schulungen für Parteimitglieder jeden Alters anbieten. Ziel sei es, vor Ort "professioneller" zu werden. Beauftragter der "Politischen Akademie Bayern" wird Rainer Rothfuß, stellvertretender Landesvorsitzender. Er sagt dem BR: Es gehe darum, "qualitativ" und "quantitativ" mehr Leute darauf vorzubereiten, dass die AfD "früher oder später in Regierungsverantwortung" komme und dem "auch gerecht" werden müsse.
Expertin: "Man braucht Eliten, die in dem eigenen Denken agieren"
Sabine Achour überraschen die Pläne nicht. Sie ist Professorin für Politikdidaktik und Politische Bildung an der Freien Universität Berlin. Sie sagt, mit solchen Akademien würden Parteien vor allem zwei Ziele verfolgen. Erstens: Wähler gewinnen. Zweitens: "Man braucht eine Elite, die in dem eigenen Denken agiert." Die AfD hoffe auf Erfolge bei den kommenden Wahlen. Sollte sie in Regierungsverantwortung kommen, seien zahlreiche Stellen zu besetzen, vom Büroleiter, Staatssekretär bis zum Verwaltungsstab. Mit Blick auf die kommunale, Landes- und im Zweifel Bundesebene mache es deswegen "parteipolitisch absolut Sinn", sich zu überlegen, ob man genug Leute habe.
Kommunalwahl: AfD kann nicht flächendeckend antreten
Tatsächlich zeigt sich etwa bei der anstehenden Kommunalwahl in Bayern ein Problem der AfD. Die Partei gewinnt zwar an Zuspruch. Im jüngsten Bayerntrend lag sie bei 19 Prozent, vier Prozentpunkte mehr als noch im Januar 2024. Und sie wächst. Der bayerische Landesverband hat im vergangenen Jahr 10.000 Mitglieder (externer Link) erreicht.
Allerdings: Im Vergleich zu anderen Parteien ist das noch klein. Die Grünen hatten im April 2025 (externer Link) in Bayern 29.000 Mitglieder, die SPD 2024 etwa 49.000 Mitglieder. Auch deswegen fehlen der AfD bei der anstehenden Kommunalwahl Kandidaten. Sie tritt zwar flächendeckend in allen Kreisen und kreisfreien Städten an, im Großteil der Gemeinden aber nicht.
Innerhalb des Grundwertespektrums?
Auch andere Parteien fördern deswegen ihren Nachwuchs, machen politische Bildungsarbeit und betreiben parteinahe Stiftungen. Allerdings: Die anderen Parteien "bewegen sich im demokratischen Grundwertespektrum", sagt die Politikdidaktikerin Sabine Achour. Sie würden nicht in Teilen "die Demokratie, Rechtsstaatlichkeit oder die Gleichheit von Bürgerinnen unseres Staates aufgrund von Migrationsgeschichten" infrage stellen. Das unterscheide die AfD und "das macht die Vorstöße so gefährlich".
Inhalte der "Politischen Akademie Bayern"
Der Akademie-Verantwortliche Rothfuß weist das zurück. Es gehe um eine "freiheitliche, selbstbestimmte, eigenverantwortliche Interpretation des Gemeinwesens". Das Programm ist auf zwei Jahre ausgelegt und soll aus drei Säulen bestehen: Teilnehmer sollen in Soft Skills, etwa Rhetorik und Öffentlichkeitsarbeit, geschult werden. Es gibt Seminare zu politischen Abläufen und Strukturen. Und es soll eine Ideenschmiede geben: "Renovatio". Dort sollen die Teilnehmer Positionen erarbeiten und in die AfD-Programmatik einbringen.
Zu genauen Inhalten und Rednern der „Politischen Akademie Bayern“ ist bisher nichts veröffentlicht. In der Vergangenheit hatte der Landesvorstand schon einmal Seminare angeboten, etwa: "Konter-Rhetorik" oder "Grundkurs Islam". Letzteres Seminar hatte der damalige AfD-Europaabgeordnete Bernd Zimniok gehalten. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat ihn in seinem jüngsten Gutachten zur Einstufung der AfD zitiert – unter anderem mit der Äußerung: "Der Bevölkerungsaustausch ist real, das deutsche Volk droht zu verschwinden." Im neuen Schulungsprogramm ist nach BR-Recherchen ein Kurs zum richtigen Umgang mit dem Verfassungsschutz vorgesehen, um "unnötige Gefährdung" der AfD zu vermeiden, wie Rothfuß sagt.
Vorbild Thüringen
Mit dem Plan, die "Akademie" neu aufzubauen, folgt Bayern dem Vorbild Thüringens. Der Landesverband von Björn Höcke wird vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Im November fand die Auftaktveranstaltung der "Politischen Akademie Thüringen" statt. Leiter der "Akademie" ist dort Roland Hartwig, ehemaliger Referent von AfD-Chefin Alice Weidel. Er hatte an dem Treffen mit dem Rechtsextremisten Martin Sellner nahe Potsdam teilgenommen. Hartwig ist auch Partner der "Politischen Akademie Bayern". Er wird etwa den Kurs zum Verfassungsschutz geben, wie er dem BR bestätigte. Die "Akademie" könne demnächst auch auf Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt ausgeweitet werden, sagte Hartwig.
Bayern: Kandidaten in den kommenden Wochen
In Bayern sollen die Kreisvorstände nun in den kommenden Wochen mögliche Kandidaten für die Schulungen melden. Die Zahl hängt von der Größe des Kreisverbands ab. Außerdem ist für den Landesverband der "Generation Deutschland", der Jugendorganisation der AfD, ein Kontingent von 40 Plätzen vorgesehen.
Suche nach Immobilien auch für Schulungen
Die Veranstaltungen sollen in der Regel in Wahlkreisbüros oder Gaststätten stattfinden. Eine Immobilie sei derzeit nicht vorgesehen, sagt Rothfuß.
Anders sieht das auf Bundesebene aus. Dort wird aktuell nach einer Immobilie für Schulungen und Weiterbildungen gesucht. Besichtigungen sind nach BR-Informationen in mehreren Bundesländern geplant – auch in Bayern.
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