Mitten in der Nacht schleichen zwei vermummte Personen auf ein Grundstück in dem kleinen Ort Hausen im Landkreis Forchheim. Ihr Ziel ist ein Fahrradgeschäft in einem Hinterhof. Eine Überwachungskamera zeichnet alles auf: Die Unbekannten stehlen nichts. Stattdessen entfernen sie die Regenbogenflagge neben der Eingangstür und befestigen eine Deutschlandflagge in der Halterung.
Für den Inhaber des Radladens, Manuel Heilmann, ist die Botschaft eindeutig. "Verstehen kann ich es definitiv nicht, weil das für mich ein klarer Versuch ist, Menschen auszugrenzen – und das darf in einer Demokratie nicht passieren", sagt er. Er habe das Gefühl, dass hinter solchen Aktionen Angst stecke. "Aber warum muss man Angst vor einem Regenbogen haben?"
Provokation statt Diebstahl
Die Tat erfüllt den Straftatbestand des Hausfriedensbruchs. Offenbar ging es den Maskierten nicht um Beute, sondern um Provokation und Einschüchterung. Der Geschäftsinhaber erstattet Anzeige und entscheidet sich, die Aufnahmen öffentlich zu machen. Auf Instagram veröffentlicht er ein Video mit einem klaren Statement.
Darin erklärt er, die Regenbogenfahne habe ganz bewusst dort gehangen – als Zeichen für Offenheit, Vielfalt, Respekt und Toleranz. Auch die Deutschlandflagge stehe für diese Werte. Einschüchtern lasse er sich nicht. Im Netz erfährt der Unternehmer breite Unterstützung. Das Video wird tausendfach angesehen und geliked. Viele Nutzerinnen und Nutzer solidarisieren sich mit ihm.
Zweiter Vorfall vor der Wohnung
Doch damit ist die Serie nicht beendet. Im Januar kommt es zu einem weiteren Vorfall – diesmal direkt vor seiner Wohnung. Unbekannte bekleben sein Auto mit Sexspielzeug und einem Aufkleber mit der Aufschrift "Remigration". Ein Begriff, den Rechtsextreme derzeit verwenden, um die massenhafte Abschiebung von Menschen zu fordern.
Für den Familienvater ist das eine neue Dimension der Provokation. "Das ist schon das nächste Level, wenn es direkt vor der Haustür ist. Vor allem, wenn man Kinder daheim hat“, sagt Heilmann. Man wisse nicht, wer dahinterstecke. "Und dann fragt man sich: Was passiert als Nächstes? Das ist schon ein ungutes Gefühl." In dieser Woche ereignete sich noch ein Vorfall: Unbekannte beklebten das Schild des Fahrradladens mit drei Deutschlandfahnen.
Politisch motivierte Straftat
Die Kriminalpolizei Bamberg ermittelt wegen Hausfriedensbruchs und Beleidigung. Inzwischen steht fest: Zwei Männer aus dem Landkreis Forchheim haben die Regenbogenflagge entfernt. Laut Polizei handelt es sich um eine politisch motivierte Straftat mit Bezug zur LGBTQ-Community. Ein Polizeisprecher betont, auch vermeintlich niederschwellige Delikte sollten angezeigt werden.
Nur so könne die Polizei mögliche Zusammenhänge erkennen und konsequent verfolgen. Einschüchterungsversuche dürften nicht unter den Tisch fallen. Zudem gebe es Beratungsstellen für Betroffene von Hasskriminalität, wie zum Beispiel die LGBTIQ-Fachstelle gegen Diskriminierung und Gewalt "Strong!" oder "Der Weiße Ring“.
"Es bestärkt mich"
Manuel Heilmann hat die Regenbogenflagge unmittelbar nach dem ersten Vorfall wieder aufgehängt. Angst habe er nicht, sagt er. Im Gegenteil: Die Ereignisse hätten ihn bestärkt. "Für mich ist es so, dass es mich noch mehr motiviert, mich für andere einzusetzen. Auch für Menschen, die vielleicht nicht so nach außen gehen können", erklärt er.
Vor seinem Geschäft weht wieder die Regenbogenflagge. Für den Unternehmer ist sie mehr als ein Symbol. Sie ist eine klare Botschaft – für Respekt, Vielfalt und Toleranz.
Zwei vermummte Personen schleichen über einen Hof. Das zeigen Aufnahmen einer Überwachungskamera.
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