Auf diese Begründung war bisher niemand gekommen: "Die Nutzung feindlicher Kommunikationsausrüstung an der Front erfolgte nur durch einzelne Einheiten und vor allem, um den Feind in die Irre zu führen", bemerkte Waleri Tischkow [externer Link], Pressechef der russischen Armee, zu Berichten, wonach die Truppen ihre Verbindung zur westlichen Starlink-Kommunikationstechnik verloren hätten und deshalb in Bedrängnis geraten seien.
Der stellvertretende russische Verteidigungsminister Alexei Kriworuchko hatte dazu bemerkt [externer Link]: "Die [russischen] Starlink-Terminals sind seit zwei Wochen offline, aber das hat weder die Intensität noch die Effektivität der unbemannten Drohnen-Systeme beeinträchtigt, wie die objektive Überwachung der Ausrüstung und des Personals des Feindes bestätigt hat."
Dagegen hatten das Wallstreet Journal [externer Link] und das amerikanische Institute of War kürzlich behauptet, ukrainische Einheiten hätten den Ausfall der Starlink-Kommunikation in der russischen Armee für Geländegewinne und Gegenoffensiven nutzen können.
"Feind ist eindeutig verwirrt"
So sehen es offenkundig auch die russischen Militärblogger, die das Verteidigungsministerium mit Häme und Spott förmlich überschütteten. "Wir haben mehrere Einheiten an der Front kontaktiert. Die Reaktionen waren unterschiedlich, meist Gelächter", heißt es etwa in einem der ultrapatriotischen Telegram-Kanäle [externer Link], der nach "passenden Worten" zu den Stellungnahmen von Tischkow und Kriworuchko suchte: "Was kommt als Nächstes? Erwarten wir ähnlich optimistische Aussagen über die Verlangsamung von Telegram? Das wird doch dann sicher nicht die Qualität der Berichterstattung beeinträchtigen?"
Der mit 2,9 Millionen Fans tonangebende Blogger Juri Podoljak schrieb sarkastisch [externer Link]: "Jetzt (nach diesen Erklärungen) ist alles klar und verständlich. Unser Hauptziel war es, den Feind in die Irre zu führen. Genau deshalb haben wir Starlink an der Front eingesetzt. Ich weiß nichts über unsere anderen Pläne, aber diese haben wir definitiv umgesetzt. Der Feind ist eindeutig verwirrt." Er sei allerdings aus "irgendeinem Grund" bei seinen Besuchen im Kampfgebiet "immer bei den 'vereinzelten Einheiten'" gelandet, die versucht hätten, den "Feind in die Irre zu führen", so Podoljak: "Ich war aber nie bei 'nicht-vereinzelten Einheiten' (also solchen, die nicht mit Starlink arbeiteten). Das muss Zufall gewesen sein."
"Alle Zweifel sind ausgeräumt"
Ähnlich ironisch äußerte sich Oleg Sarow [427.000 Fans, externer Link]: "Endlich eine offizielle Stellungnahme. Alle Zweifel sind ausgeräumt. Bravo! Wie immer prägnant und klar. Und vor allem ehrlich. Fehler sind ja erlaubt, Lügen hingegen nicht!" Damit zitierte Sarow den russischen Verteidigungsminister Andrei Beloussow.
Infotafel
"Wen wollen sie mit diesen Aussagen überzeugen, und wovon? Vielleicht die Soldaten an der Front, deren Internetverbindung unterbrochen ist und die nun auf weitaus weniger komfortable, instabilere und vor allem viel gefährlichere Methoden angewiesen sind?" fragte einer der Militärblogger (617.000 Abonnenten) grimmig. Die Starlink-Antennen seien in "jedem Schützengraben" das leicht zu tarnende Mittel der Wahl gewesen [externer Link]: "Jetzt ist das weg. Es ist großartig, alternative Standard-Kommunikationsausrüstung im Hauptquartier Dutzende Kilometer von der Front entfernt zu haben und darüber berichten zu können. Schade, dass nicht jeder die gleichen Möglichkeiten hat."
"Fällt schwer, nicht zu fluchen"
Selbst bekannte Fernsehberichterstatter wie Sergei Filatow reagierten mit Satire auf die Sichtweise des Verteidigungsministeriums: "Wahnsinn, ich bin total begeistert!" Mit einer unverhohlenen Drohung reagierte ein weiterer Kommentator [externer Link]: "Nur zur Erinnerung: Der vorherige Kommunikationschef der russischen Streitkräfte, Wadim Schamarin, wurde für seine 'effektive Arbeit' zu sieben Jahren Haft in einem Hochsicherheitsgefängnis verurteilt. Er 'rüstete' die Armee mit Kommunikationsgeräten im Wert von 1,4 Milliarden Rubel aus und erhielt dafür 36 Millionen Rubel [umgerechnet etwa 400.000 Euro] vom Lieferanten."
Am Ende des vierten Kriegsjahres seien die russischen Soldaten "ohne Kommunikation, ohne Augen" behauptete einer der aufgebrachten Kritiker [externer Link]: "Nein, wir sind keine Schwarzmaler; wir glauben, dass Gott Russland nicht im Stich lassen wird, so wie er es noch nie getan hat. Aber manchmal, wenn wir von irgendwo aus der Nähe von Pokrowsk zurückkommen, nachdem wir ein paar Stunden mit den Jungs geredet haben, fällt es schwer, nicht zu fluchen. Verdammt nochmal! Wie lange kann man einen russischen Soldaten noch schikanieren?"
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