Anna Maria Abernathy war vier Jahre alt, als sie mit ihren Eltern vor den Nazis fliehen musste. Mit 95 ist sie nun nach München zurückgekehrt, auch um ihrer ermordeten Großmutter zu gedenken. Direkt gegenüber der Bayerischen Staatskanzlei, dort wo einst das Wohnhaus ihrer Großmutter Minna Hirschberg stand, hat Abernathy am Montag ein sogenanntes Erinnerungszeichen angebracht: Eine Metallstele mit Namen und Bild ihrer geliebten Oma. "Wir haben viel gemeinsam unternommen", erzählt Anna Maria Abernathy. "Sie war so warmherzig und liebevoll – eine perfekte Großmutter."
Doch während Abernathy und ihrer Familie die Flucht über Italien in die USA gelang, blieb Minna Hirschberg in München zurück und wurde von den Nazis schließlich ins KZ Theresienstadt bei Prag deportiert und dort ermordet.
Die deutsche Staatsbürgerschaft zurückgeholt
Auch Jorge Feuchtwanger ist nach München gekommen, um seine Vorfahren zu ehren. Er ist mit Lion Feuchtwanger verwandt, dem weltberühmten Münchner Schriftsteller und Autor von Bestsellern wie "Erfolg" oder "Die Jüdin von Toledo". Jorges Großvater Franz war hochrangiger Funktionär der Kommunistischen Partei KPD und musste deshalb schon früh vor den Nazis fliehen. Als er auch in der KPD in Ungnade fiel, rettete sich Franz Feuchtwanger nach Mexiko, wo er ein bedeutender Kunstsammler wurde.
Sein Enkel Jorge ist in Mexiko City geboren, spricht aber hervorragend deutsch und hat vor einem Jahr die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. "Ich habe sie mir wiedergeholt", betont Jorge Feuchtwanger. "Das wollten uns die Nazis wegnehmen. Und wenn ich sie zurückhabe, heißt das, dass sie nicht gewonnen haben."
Feuchtwanger, Hirschberg, Bernheimer – traditionsreiche Münchner Familien
Jüdische Familien wie die Feuchtwangers, die Hirschbergs oder Bernheimers prägten einst München und Bayern. Heute leben ihre Nachkommen in den USA, Argentinien, Australien oder Israel. Dass einige von ihnen 80 Jahre nach dem Ende des Naziterrors die Heimat ihrer Vorfahren besuchen, ist Matthias Weniger zu verdanken. Der Kunsthistoriker arbeitet im Bayerischen Nationalmuseum als Provenienzforscher, das heißt, er versucht herauszufinden, woher Kunstwerke ursprünglich stammen.
Dabei stieß er in seinem Museum vor einigen Jahren auf mehr als 300 Silbergegenstände, die von den Nazis aus jüdischem Besitz geraubt wurden. 1939 zwangen die Nazis alle jüdischen Menschen in Deutschland, ihr Silber abzugeben: Besteck, Kerzenhalter, auch rituelle Gegenstände für jüdische Feiertage. Allein in München rafften die Nazis so rund sechs Tonnen Silber zusammen. Das meiste wurde eingeschmolzen, einige wertvolle Gegenstände wurden aber auch verkauft und landeten bei Privatleuten oder staatlichen Institutionen wie dem Nationalmuseum.
Familien finden wieder zusammen
Provenienzforscher Matthias Weniger machte in jahrelanger Detektivarbeit die Nachkommen der ursprünglichen Eigentümer ausfindig und konnte den Großteil der Gegenstände zurückgeben. Und quasi nebenbei gelang ihm dabei die ein oder andere Familienzusammenführung. Erst durch Wenigers Recherchen erfuhren etwa die drei Cousinen Ellen Kandell, Rachel Schwartz und Naomi Karp, die aus der Münchner Familie Bernheimer stammen und heute in den USA leben, dass sie Verwandte in Australien haben. Am vergangenen Sonntag haben sie ihre australischen Cousinen Lynette Sput und Julie Esakoff zum ersten Mal getroffen – in München, der Stadt, aus der ihre gemeinsamen Vorfahren vor mehr als 80 Jahren vertrieben wurden.
Antisemitismus-Skandal im Nationalmuseum
Übrigens mussten die meisten der 75 Gäste aus aller Welt ihre Reise selbst bezahlen, keine staatliche Institution war bereit, die Kosten zu übernehmen. Immerhin wurden sie am Montag bei einer Gedenkveranstaltung im Nationalmuseum von Oberbürgermeister Dieter Reiter und Staatsminister Christian Bernreiter in Empfang genommen. Auch Charlotte Knobloch von der Israelitischen Kultusgemeinde begrüßte die Delegation und übte in ihrer Ansprache Kritik am Nationalmuseum, das erst vor wenigen Tagen im Zentrum eines Antisemitismus-Skandals stand.
Auf das Titelblatt seines aktuellen Programmhefts hatte das Museum einen Ausschnitt aus dem ehemaligen Hochaltar der Abteikirche in Tegernsee drucken lassen. Darauf zu sehen ist der Verrat des Judas Iskariat an Jesus Christus, ein uraltes antisemitisches Stereotyp und Beispiel für christlichen Judenhass. Besonders pikant: Judas hält in seinen Händen den berüchtigten Sack voller Silberlinge, den er für seinen Verrat von den Römern erhalten hat. Dass das Programmheft mit diesem Motiv ausgerechnet zu einem Zeitpunkt erschienen ist, da eine Delegation von Jüdinnen und Juden in München zu Gast ist, die geraubte Silbergegenstände zurückerhalten haben, sorgte deutschlandweit für Aufsehen und Empörung. Auf Druck der Staatsregierung wurde das Programmheft inzwischen eingestampft. Charlotte Knobloch forderte in ihrer Ansprache weitere Konsequenzen.
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