Selbsthilfegruppen begleiten Menschen über oft lange Zeiträume in schwierigen Lebenslagen. Sie bieten Austausch unter Betroffenen, Verständnis ohne Vorurteil und praktische Unterstützung im Alltag. Beim Bayerischen Selbsthilfekongress in Amberg, einer der größten Veranstaltungen dieser Art in Deutschland, wurde deutlich: Diese Arbeit ist eine wichtige, aber häufig unterschätzte Säule unseres Gesundheitssystems. Gleichzeitig stehen vielerorts Einsparungen zur Debatte – auch das war ein zentrales Thema bei dem Treffen in der Oberpfalz.
Ein persönlicher Weg aus der Krise
Cornelia Lochner, heute 62 Jahre alt, fand vor über zwei Jahrzehnten ihren Weg in die Selbsthilfe – und blieb. Mit 37 erkrankte sie an Brustkrebs, drei Jahre später kehrte die Krankheit mit aggressiven Lungenmetastasen zurück. "Ich war hilflos, total hilflos, verloren", erinnert sich Lochner. Natürlich sei sie auch ängstlich gewesen, weil sie nicht wusste, wie es weitergeht. Ihre größte Sorge war, ob sie noch miterleben würde, wie ihre Kinder groß werden.
Was ihr half, war die Schicksalsgemeinschaft mit Menschen, die Ähnliches kennen, die zeigen: Es gibt Wege durch diese Erkrankungen hindurch. "Wenn man jemanden sieht, der das schon erlebt hat, das kann ein Hoffnungsträger sein", sagt sie.
Problemlösungen für viele Krankheitsbilder
In ihrer Selbsthilfegruppe in Amberg treffen sich Menschen mit sehr unterschiedlichen Diagnosen: Multiple Sklerose, Rheuma, Krebserkrankungen, psychische Belastungen. Statt sich mit ihrer Krankheit in die Isolation zurückzuziehen, suchen die Betroffenen die Gemeinschaft. Geben sich Halt, Tipps, Vertrauen.
Alexander zum Beispiel, der unter sozialen Ängsten und Depressionen leidet, fühlt, dass er mit seiner Krankheit akzeptiert wird, dass niemand Vorurteile hat. Hier kann er Kontakte knüpfen, die ihm Kraft geben. Andere schätzen, dass sie in der Gruppe einfach sie selbst sein dürfen – nicht reduziert werden auf eine Diagnose. Aussagen, die verdeutlichen, wie Selbsthilfe psychosoziale Stabilität fördern und Rückzugstendenzen durchbrechen kann.
Ehrenamt als tragende Säule
Rund 70 Selbsthilfegruppen gibt es im Landkreis Amberg-Sulzbach. Die Themen sind vielfältig: von Alleinerziehenden über pflegende Angehörige, Suchterkrankungen bis zu den chronischen Erkrankungen. Die Gruppen basieren zum großen Teil auf ehrenamtlichem Engagement.
Auch Cornelia Lochner ist längst nicht mehr "nur" Teilnehmerin. Sie leitet Gruppen und unterstützt aktiv den Amberger Selbsthilfekongress, um die Bedeutung der Selbsthilfe sichtbar zu machen, die oft ein Schattendasein fristet: "Öffentlichkeitsarbeit ist wichtig, dass man rauskommt aus der Dunkelzone", stellt sie fest.
Selbsthilfegruppe für chronisch Kranke in Amberg
Selbsthilfe – im Gesundheitssystem unverzichtbar
Zu Zahlen der Selbsthilfegruppen in Deutschland existieren nur Schätzungen, weil eine Registrierung freiwillig ist. NAKOS, die Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen, geht von einer Spannweite zwischen 70.000 bis möglicherweise 100.000 Gruppen in Deutschland aus.
Vor allem bei der Stärkung chronisch kranker und behinderter Menschen sowie deren Angehöriger leisten Selbsthilfegruppen neben der professionellen Gesundheitsvorsorge einen wichtigen Beitrag. Diesem Stellenwert trägt der § 20h Sozialgesetzbuch V (SGB V) Rechnung. Er verpflichtet die gesetzlichen Krankenkassen, Selbsthilfegruppen, -organisationen und -kontaktstellen zu fördern. Für 2026 liegt der festgesetzte Pro-Kopf-Betrag je Versicherter bzw. Versichertem bei 1,44 Euro.
Drohen der Selbsthilfe durch das GKV-Stabilisierungsgesetz Kürzungen?
Auf Anfragen des BR beim Bundesministerium für Gesundheit antwortet dieses, die gesetzliche Selbsthilfeförderung sei vom GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz vollständig ausgenommen. Eine Änderung des § 20h SGB V sei derzeit nicht beabsichtigt. Prävention spiele in der Reform von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) eine wichtige Rolle.
Gesundheitsprävention sorgt vor: Cornelia Lochner beim Kneippgang
Prävention macht sich bezahlt
Selbsthilfe wirkt präventiv – psychisch wie körperlich. Regelmäßige Treffen, wie in Cornelia Lochners Gruppe in Amberg, motivieren zu gesunden Routinen, stärken Selbstwirksamkeit und erleichtern die Navigation im Versorgungssystem. Für viele Betroffene ist die Gruppe ein niedrigschwelliger Zugang, ergänzt professionelle Angebote und vermeidet Folgekosten.
Deshalb wäre es für Cornelia Lochner, die mit ihrer Krebserkrankung seit über 20 Jahren Halt in ihrer Selbsthilfegruppe gefunden hat, ein falsches Zeichen, wenn die Politik auch hier den Rotstift ansetzen würde.
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