Es ist noch sonnig und heiß, als die Archäologen in der Baugrube für das Regenüberlaufbecken in Aschaffenburg die ersten Eichenbalken soweit freigelegt haben, dass der Kran zum Einsatz kommen kann. Die Anspannung ist groß: Der erste rund 250 Kilogramm schwere und vier Meter lange Balken wird mit Gurten an der Traverse am Kran eingehängt. Antonio Sasso, Referent des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege (BLfD) beobachtet die Arbeiten: "Wir hoffen natürlich, dass alles gut geht. Und klopfen auch drei Mal auf das keltische Holz. Aber es kann natürlich immer sein, dass irgendwas aus den Schlaufen rutscht. Dass die Hölzer durchbrechen."
Einzigartige Funde aus der Keltenzeit
Die Hölzer sind eine archäologische Sensation. Bei Bauarbeiten für das Überlaufbecken war ein Bagger im März 2026 in acht Metern Tiefe auf penibel geschichtete Eichenbalken gestoßen. Untersuchungen ergaben: Die Hölzer wurden zwischen 372 und 352 vor Christus gefällt – frühe Latènezeit, die Hochphase der keltischen Kultur in Mitteleuropa. Freigelegt wurde ein beeindruckendes Bauwerk: rund 40 Meter lang, bis zu fünf Meter breit, aus massiven Eichenbalken und einer Trockensteinmauer. In Alter, Konstruktion und Erhaltungszustand ist die Anlage nach Angaben des BLfD in Bayern und Deutschland einzigartig.
Im Video: BR24 vor Ort hat die Bergung der Balken in einer Reportage begleitet
Holzbalken in Wasserbecken zwischengelagert
Bei den Bergungsarbeiten der Balken fällt die Anspannung langsam ab. Die erste Balkenfuhre ist sicher auf dem Lkw, bereit für den Abtransport ins provisorische Zwischenlager. Etwa ein Drittel der 2.400 Jahre alten Balken ist mittlerweile geborgen und in Wasserbecken in einer Halle verwahrt, bis zur endgültigen Konservierung. Um Risse und einen völligen Formverlust zu vermeiden, müssen die Balken in einem feuchten Milieu bleiben. Aktuell werden alle Balken hochauflösend mit 3D-Laserscannern dokumentiert.
Sehr guter Erhaltungszustand der Eichenbalken
Für die Archäologen ist es eine einmalige Chance die Handwerksarbeit der Kelten am Objekt zu studieren, weil die Erhaltung des Holzes einmalig gut ist. "Man sieht Bearbeitungsspuren, Verbindungsformen, wie die Hölzer miteinander verzimmert wurden. Das sind alles Informationen, die man sich bisher nur aus dem Kontext erschließen konnte", erklärt Sasso. Die Eichen wurden im Spessart gefällt, bearbeitet und zusammen mit dem Steinmaterial auf dem Main nach Aschaffenburg transportiert. "Ein solches Bauwerk entstand nicht nebenbei", betont BLfD-Abteilungsleiterin Stefanie Berg. Viele Menschen, ausgefeilte Planung und großes handwerkliches Können mussten mobilisiert werden. Dass eine derartige Investition in Infrastruktur getätigt wurde, unterstreicht die überregionale Bedeutung der keltischen Siedlung am Main im heutigen Aschaffenburg.
Rätsel um Funktion der Kelten-Anlage
Noch ist unklar, welchem Zweck das Bauwerk am Main genau diente. Lange galt die Vermutung, es könnte eine Art Hafen gewesen sein – am Fuß der keltischen Siedlung, in der Waren und Lasten umgeschlagen wurden. Vor dem massiven Holz-Stein-Bau lag zum Fluss hin eine hölzerne Plattform, wo Boote anlegen konnten. BLfD-Abteilungsleiterin Stefanie Berg vermutet: Die Anlage könnte den Zugang von der Mainseite geschützt und zugleich weithin sichtbar gezeigt haben, dass hier ein bedeutender Ort lag – ein sogenannter Zentralort der Kelten, ein wirtschaftlicher Knotenpunkt für Handel und Handwerk. Die Größe und Komplexität der Anlage sprechen für eine Siedlung mit überregionaler Bedeutung.
Archäologie im Wettlauf mit der Baustelle
Die Grabung erfolgt in enger Abstimmung mit der Stadt Aschaffenburg. Während die Archäologen das eisenzeitliche Bauwerk weiter freilegen und dokumentieren, läuft der Bau des Regenüberlaufbeckens – einschließlich eines Pumpenkellers – weiter. Bis Ende des Jahres sollen die archäologischen Arbeiten abgeschlossen sein, der Zeitdruck ist hoch. Parallel dazu arbeiten Expertenteams aus Archäologie, Bauforschung, Geoarchäologie und Archäobotanik an einer umfassenden Auswertung: Bodenproben, Schichtanalysen und naturwissenschaftliche Datierungen sollen klären, wie alt die Ablagerungen sind, wie der Mainlauf sich veränderte und wie die Kelten die Anlage nutzten. Proben des Holzes werden vor der Konservierung gesichert, vermessen und archiviert.
Die Kosten für Grabung, Bergung und Konservierung lassen sich derzeit nicht exakt beziffern. Stadt Aschaffenburg, Stiftsmuseum und BLfD tragen das Projekt gemeinsam, größtenteils mit eigenem Personal.
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