Mit dem Franziskanerorden hat heute im Münchner Presseclub einer der größten deutschen Orden eine eigene Missbrauchsstudie vorgestellt.
Es sei ein "Nicht-Thema" gewesen, obwohl es alle wussten, heißt es in einem Interview-Zitat in der Studie: Es wurde geschwiegen über den sexuellen Missbrauch vor allem von Jungen im Alter von 10 bis 15 Jahren durch Ordensmänner, teilweise über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren.
Studie zeigt nur die Spitze des Eisberges
Die meisten erfassten Fälle haben sich zwischen 1950 und 1970 abgespielt, in pädagogischen Einrichtungen in Nordrhein-Westfalen und in den Niederlanden. Peter Caspari vom Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) in München war an der Studie beteiligt: "Der Orden hat sehr lange Zeit so getan, als würde das Thema sexualisierte Gewalt überhaupt nicht existieren. Wenn Fälle aufkamen, dann war das meistens auf Druck von Eltern, wenn sich Kinder ihnen anvertraut haben." Ziel war es, negative Folgen für den Orden abzuwenden.
Es habe keinen Fall gegeben, der von einem Franziskaner aufgedeckt wurde, so Caspari. 90 Prozent der Fälle wurden erst nach 2010 bekannt. 98 Tatverdächtige und über 100 Betroffene werden in der Studie genannt – mit dem Hinweis auf ein vermutlich "deutlich größeres Dunkelfeld". Vertreter der Franziskanerprovinz haben die Betroffenen heute in München öffentlich um Vergebung gebeten.
Studie kommt nach Meinung von Betroffenen zu spät
Die Studie sei überfällig und käme zu spät, sagen Missbrauchs-Betroffene. Der überwiegende Teil der Tatverdächtigen ist bereits verstorben. Peter Krosch spricht für die Betroffenen. Als Kind hat er selbst sexualisierte Gewalt erlebt in Vossenack in Nordrhein-Westfalen, wo die Franziskaner ein Gymnasium und ein Internat betreiben.
Krosch wirft der Ordensleitung Verschleppung der Aufarbeitung vor, eine jahrelange Vertuschungspraxis und eine Haltung des Wegduckens. "Diese Verantwortungslosigkeit eines ganzen Systems nun schwarz auf weiß noch einmal nachlesen zu können, macht mich noch immer fassungslos", sagte er während des Termins in München.
"Sexualisierte Gewalt ist Teil der Ordensgeschichte"
Provinzial Markus Fuhrmann, der an Spitze des Franziskanerordens in Deutschland steht, bat in seinem Statement alle Betroffenen um Vergebung. "Ich weiß, dass wir diese Vergebung nicht erwarten dürfen. Ich kann Sie nur darum bitten."
Er wolle klar Verantwortung übernehmen und Schuld innerhalb der Ordensgemeinschaft bekennen. Die Studie zeige, dass sexualisierte Gewalt Teil der Ordensgeschichte sei. "Sie dokumentiert Taten. Sie macht strukturelle Probleme sichtbar. Und sie zeigt, wie tief und wie lang die Folgen für Betroffene sein können - oft ein Leben lang."
Franziskaner: 25 Niederlassungen und rund 200 Mitglieder
Die Franziskaner sind laut eigenen Angaben mit rund 13.600 Mitgliedern der weltweit drittgrößte Orden der katholischen Kirche. In Deutschland leben knapp 200 Franziskaner in mehr als 20 Klöstern. Hauptsitz der deutschen Franziskanerprovinz ist München. In Bayern ist der Orden in Garmisch-Partenkirchen, Füssen, München und Vierzehnheiligen vertreten.
Mit Informationen von epd
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
Sie interessieren sich für Themen rund um Spiritualität und Religion? Dann abonnieren Sie hier den Newsletter der Redaktion Religion & Orientierung.
