Prof. Tobias Rüther ist Suchtmediziner am LMU-Klinikum München. Er macht selbst mit beim "Dry January" – und sagt, schon nach zwei Wochen ohne Alkohol werde die Haut vor allem im Gesicht straffer und strahlender: "Man wird einfach hübscher, wenn man keinen Alkohol trinkt." Nach vier Wochen schlafe man besser, und sei deshalb tagsüber fitter. Die Blutwerte normalisierten sich, man verliere Gewicht. Und, so Prof. Rüther: Wer im Januar auf Alkohol verzichte, der denke über seinen Umgang mit Alkohol nach – und trinke deshalb meist auch den Rest des Jahres bewusster.
Genießen ohne Rausch
Dabei bedeutet Verzicht auf Alkohol nicht, dass man nicht genießen kann. Zu sehen ist das bei "Franz von Fein", einem Geschäft für alkoholfreie Aperitifs in München. An einem Abend trifft sich dort ein halbes Dutzend Interessierter, die unter Anleitung von Monica Iordache Cocktails ohne Alkohol probieren. Iordache ist vom Münchner "High Sobriety Club" – angelehnt an "high society" und englisch "sober", also nüchtern.
Da werden Kombucha, Ingwer, Salz und Agavensirup gemixt, die Gäste sind begeistert. Vroni ist hier, weil sie zusammen mit ihrem Mann den "Dry January" durchzieht. "Es geht einfach drum, zu hinterfragen, welche Rolle Alkohol in deinem Leben spielt", sagt sie. "Und es ist schön, zu erleben, dass es auch ohne geht."
Langfristiger Trend: Weg vom Alkohol
Tatsächlich ist in Deutschland über die Jahrzehnte das Bewusstsein für problematisches Trinkverhalten offenbar gewachsen. Nach Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung haben die Deutschen im Jahr 1980 pro Kopf 15,1 Liter reinen Alkohol im Jahr getrunken, 2023 waren es noch 10,2 Liter. Zur Einordnung: Ein halber Liter Bier oder ein Viertelliter Wein enthalten ungefähr (abhängig vom Alkoholgehalt) 25 Milliliter reinen Alkohol.
Auch bei Jugendlichen sinkt der Konsum: Das Durchschnittsalter beim ersten Glas Alkohol ist seit 2004 von 14,1 Jahren auf 15,1 Jahre im Jahr 2023 gestiegen. Allerdings stagniert der Trend seit einigen Jahren – der Alkoholkonsum sinkt also nicht mehr weiter.
Alkoholfreies als Marktnische
Dass mit alkoholfreien Getränken mittlerweile Geld zu verdienen ist, zeigt der Pop-up-Store "Freyheit" in der Münchner Innenstadt. Die drei Gründer vertreiben dort ein großes Sortiment an Null-Promille-Getränken – Weine, denen Alkohol nachträglich entzogen wird; Getränke auf Fruchtsaftbasis, die mit Aromen angereichert werden; fermentierte Getränke, oder sogenannte Proxys, die an Wein erinnern sollen, aber keiner sind; sogar alkoholfreie Spirituosen. Alkoholfreies Bier, meint Mitgründer Alexander Gottschalk, sei geschmacklich längst auf dem gleichen Niveau wie Bier mit Alkohol, bei Wein braucht es seiner Ansicht nach noch zehn Jahre.
Immer wieder bleiben Menschen vor dem Laden stehen und werden von den drei Gründern zum Verkosten hereingebeten. Gottschalk sagt, interessiert seien vor allem junge Eltern – die gern feiern, sich aber am nächsten Tag keinen schweren Kopf leisten können – und Menschen ab 55, die auf Alkohol verzichten wollten oder müssten, sich aber weiterhin interessant schmeckende Getränke wünschen. Und gesellschaftlich wachse die Akzeptanz dafür, auch beim Ausgehen einfach rauschfrei zu bleiben. Das bestätigt Kundin Antje: "Ich bin inzwischen in einem Umfeld, wo es total akzeptiert ist, nichts zu trinken." Ihre Freundin Sofia ergänzt: "Ich merke, dass es mir gut tut, keinen Alkohol zu trinken."
Dieser Artikel ist erstmals am 12. Januar 2026 auf BR24 erschienen. Das Thema ist weiterhin aktuell. Daher haben wir diesen Artikel erneut publiziert.
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