Hochschulen sollen international aktiv sein, Unternehmen global vernetzt. Für viele Forschungs- und Entwicklungsstandorte in Bayern ergibt sich daraus ein schwieriger Balanceakt. Denn Sicherheitsbehörden warnen vor wachsender Wirtschafts- und Wissenschaftsspionage aus dem Ausland. Vor wenigen Tagen wurde in München ein Ehepaar festgenommen, das im Verdacht steht, für den chinesischen Geheimdienst tätig gewesen zu sein. Sie sollen Kontakte zu Forschern an deutschen Hochschulen aufgebaut haben, um an wertvolle Informationen über Militärtechnologie zu gelangen – auch in Bayern.
Für May-Britt Stumbaum, Dozentin am Marshall Institut in Garmisch-Partenkirchen, kommt die Nachricht wenig überraschend: "Bayern ist wirklich im Fokus der chinesischen Spionage im Bereich militärisch-zivil-nutzbar, also diesem Dual-Use-Bereich", so die Sicherheitsexpertin im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk.
Verfassungsschutz: China, Iran und Russland arbeiten mit Wegwerf-Agenten
Besonders interessant für ausländische Akteure sei Wissen in den Bereichen Quantum-Computing, Künstliche Intelligenz und Hyperschall. "Das sind sozusagen die Technologien, wo letztendlich auch die Zukunft entschieden wird", so Stumbaum. "Die bestimmen in Zukunft nicht nur das Kriegsgeschehen, sondern auch unseren Wohlstand und die Art und Weise, wie wir leben."
Der bayerische Verfassungsschutz hat vor allem drei Länder auf dem Radar: "Aktuell stehen in Bayern insbesondere Nachrichtendienste aus der Russischen Föderation, der Volksrepublik China sowie aus dem Iran im besonderen Fokus der Spionageabwehr", sagt Florian Volm vom Verfassungsschutz. Dabei handle es sich längst nicht nur um hauptamtliche Spione, sondern oft um sogenannte Wegwerf-Agenten. Also Menschen, die nur für eine bestimmte Späh- oder Sabotageaktion angeworben werden. Falls sie auffliegen, werden sie von ihren Auftraggebern im Stich gelassen – "weggeworfen" sozusagen.
Expertin warnt vor "Naivität" und zu viel Offenheit
Insbesondere China setze bei der Spionage auf einen ganzheitlichen Ansatz, sagt Sicherheitsexpertin Stumbaum. Große Teile der Gesellschaft seien involviert: "Da haben sie also die Regierung mit dabei, sie haben Unternehmen mit dabei, sie haben die Wissenschaftslandschaft mit dabei und sie haben die Diaspora mit dabei, um von möglichst vielen Fronten Angriff nehmen zu können.
Dieses Vorgehen werde hierzulande unterschätzt: "Zum einen, weil bei uns allein die Unabhängigkeit der Wissenschaft schon im Grundgesetz steht, weil wir eben diese Offenheit auch pflegen." Aber: "Zum großen Teil einfach auch aus einer Naivität, die man manchmal auch fast schon als Fahrlässigkeit bezeichnen kann." Immerhin: In den vergangenen Jahren habe die Sensibilisierung zugenommen, so Stumbaum. "Wir sehen es an einigen Universitäten, vor allen Dingen auch an regionalen Universitäten."
Hochschule Deggendorf: Eigene Sicherheitsregeln für Mitarbeiter
Viele bayerische Universitäten und Hochschulen versichern BR24 auf Anfrage, dass man das Thema ernst nehme und die Sicherheitsmaßnahmen regelmäßig anpasse. Wolfgang Dorner, Professor für Informatik und Beauftragter für Sicherheitsfragen an der Technischen Hochschule Deggendorf erläutert das genauer: Mitarbeiter werden bereits bei der Einstellung überprüft und in Schulungen sensibilisiert. Für wissenschaftliche Projekte gibt es verschiedene Sicherheitsstufen: "Wir unterschreiben zum Beispiel laufend Geheimhaltungsvereinbarungen, in denen geregelt wird, über welche Themen aus kooperativen Projekten mit der Industrie wir sprechen dürfen, wie lange wir Informationen schützen und geheim halten müssen und welche Teile aus Projekten veröffentlicht werden dürfen."
Auch für Reisen ins Ausland gelten Sicherheitsmaßnahmen. Es gebe "Regularien, dass zum Beispiel, wenn bestimmte Mitarbeiter im Ausland unterwegs sind, sie nicht ein normales Telefon oder Notebook mitnehmen, sondern auf ein eigenes Notebook zurückgreifen, in dem keine Daten gespeichert sind wie E-Mails, Dokumente oder irgendwas, was man aus der Cloud runterlädt", so Dorner. Einen Spionageversuch habe es an der Hochschule Deggendorf noch nie gegeben, dafür laufend Angriffsversuche auf die Firewall.
Siemens: Eigene Einheit für Sicherheitsfragen
Auch bei bayerischen Unternehmen hat sich BR24 nach den Sicherheitsmaßnahmen erkundigt. Bei Siemens gibt es zum Beispiel ein mehrstufiges Sicherheitskonzept. Das Unternehmen, das seinen Hauptsitz in München hat, teilt dazu auf BR-Anfrage mit, dass es eine eigene Einheit gebe, die auch mit externen Partnern zusammenarbeite. Die konkreten Maßnahmen gegen Wirtschaftsspionage würden regelmäßig überprüft und angepasst. Allerdings will das Unternehmen keine Details verraten, um die eigene Strategie nicht zu gefährden.
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