150 Stufen erklimmt Heidi Källner, um auf die Aussichtsplattform des Jakobsturm in Oettingen zu gelangen. Denn von dort gibt es etwas zu sehen: Ein Nest mit Weißstörchen – und ihren Jungen. Die 85-Jährige ist Mitglied im Landesbund für Vogel- und Naturschutz: Im Landkreis Donau-Ries kennt sich wohl niemand besser mit Störchen aus. 49 Nester hat sie bereits entdeckt.
Störche gelten als Glücksbringer, sie kommen sogar in alten Sagen der Stadt vor. Jahrelang gab es hier ein Nest. Inzwischen sind es deutlich mehr: Während es 2005 in Bayern 126 Brutpaare gab, nisten derzeit rund 1.600 Brutpaare im Freistaat. Und die sorgen für Ärger, wie das BR-Politikmagazin Kontrovers zeigt.
Storch ist geschützt – doch wer haftet?
Die Altstadt im mittelfränkischen Herrieden ist seit einigen Jahren ein Storchen-Hotspot. Zum Leidwesen von Pfarrer Peter Hauf und seiner Kirchenverwaltung. Am Pfarrhaus, auf den Kirchen – wohin der Pfarrer blickt: Störche überall.
Auf der Straße, die an der Kirche vorbeiführt, findet Peter Hauf ständig heruntergefallene Äste, Zweige und Stöcke: "Das müssen wir sperren lassen. Wenn Autos hier parken, kriegen die was aufs Dach. Da sind wir dran Schuld, wenn dann jemand anders einen Schaden hat."
Der Pfarrer ist genervt. Schon in der Früh geht es los, wenn die Störche klappern: "Um halb fünf wird einem der Schlaf geraubt", sagt er. Dazu kommen herunterfallende Äste, regelmäßig verstopfte Dachrinnen und auch der Storchenkot, der nicht nur die Dächer überzieht, sondern historische Fassaden verätzt. Mit den Reinigungen kommt die Kirchenverwaltung kaum hinterher: "Das ist eine Sisyphus-Aufgabe", sagt Hauf.
Ohne Genehmigungen geht nichts
Gefährdet sind Störche in Bayern also nicht mehr – aber noch immer geschützt. Für die Kirchenverwaltung bedeutet das viel Aufwand. Jetzt gerade bauen die Störche bereits ein neues Nest am Blitzableiter auf der Frauenkirche. Dabei wurde gerade erst der Abbau des Nestes am Kreuz genehmigt. Denn dafür ist eine behördliches Verfahren notwendig, die im Umfang fast einer Baugenehmigung gleicht, erklärt Richard Herrmann von der Kirchenverwaltung. Das kostet hier nicht nur viele Nerven, sondern auch einiges an Geld.
"Für die Dachreinigungen und die Vergrämungsmaßnahmen geben wir durchschnittlich im Jahr zwischen 1.500 und 3.000 Euro aus. In den letzten Jahren waren es insgesamt 20.000 Euro, die wir als kleine Pfarrei ja zunächst mal selbst verdienen müssen." Martina Roth-Ubl, Kirchenpflegerin
"Es muss sich ein Kümmerer finden"
Anderer Ort, ähnlicher Ärger: Auf dem Kamin von Herbert Amtmann in Forchheim versucht ein Storch zu nisten – ausgerechnet. Keine hundert Meter weiter wurde eigens für die Störche eine Nisthilfe aufgestellt. Doch die ist unbenistet. Erst letztes Jahr hat der Storch den im Betrieb befindlichen Schornstein komplett zugebaut. Amtmann durfte das Nest entfernen und ein Schutzblech anbringen. 1.800 Euro kostete ihn das.
Als Architekt könne er sich das leisten und habe Erfahrung mit Behörden – doch das gelte nicht für jeden: "Ich denke, dass die Städte und Gemeinden sich überlegen müssen, wie sie sich beim Storch verhalten und entwickeln wollen. Es muss sich ein Kümmerer finden, der die Sache ein bisschen steuert."
Umweltministerium rät zu privater Absicherung
In Oettingen hat man sich darum bereits vor drei Jahren bemüht: Martina Krommrei ist offizielle Storchenbeauftragte des Stadtrats. Sie soll zwischen Bürgern, Behörden und Naturschutz vermitteln. Manchmal ist Pragmatismus gefragt: Ein Bereich etwa wurde abgesperrt – weil Passanten von Störchen bekotet wurden.
Die Stadt Oettingen will noch mehr helfen. Einmal im Jahr bemüht man sich um eine Hebebühne, damit auch die Dachrinnen gesäubert werden können. Häufiger ist das in der Stadtkasse nicht drin, erklärt Bürgermeister Thomas Heydeker (SPD). "Wir würden uns über ein wenig finanzielle Unterstützung des Freistaats Bayern freuen." Das Bayerische Umweltministerium verweist indes auf Kontrovers-Anfrage auf "private Versicherungen":
"Einen Anspruch auf Ausgleich von durch Störche verursachte Schäden gibt es nicht, da der Staat grundsätzlich nicht für Risiken oder Schäden, die durch Wildtiere (…) verursacht werden, haften kann. Es besteht für Hauseigentümer die Möglichkeit, sich über private Versicherungen abzusichern." Bayerisches Umweltministerium
Die Kirchenverwaltung in Herrieden wurde schließlich von der Diozöse unterstützt – mit einer Einmalzahlung.
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