Erstmals findet das 76. Pfingsttreffen der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Tschechien statt – der Austragungsort erhitzt weiter die Gemüter der Tschechen. Rund eine Woche vor dem Beginn des Sudetendeutschen Tags in Brno (Brünn) stellte sich das tschechische Abgeordnetenhaus entschieden gegen das Vorhaben. Eine Entschließung gegen das Treffen deutscher Vertriebener und ihrer Nachfahren wurde mit den Stimmen der rechten Regierungsparteien verabschiedet.
Initiative der tschechischen extremen Rechten
Die Sudetendeutschen wurden von dem Dialogfestival "Meeting Brno" in die zweitgrößte Stadt des Landes eingeladen. Auch der bayerische Ministerpräsident Markus Söder, Sozialministerin Ulrike Scharf und Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (alle CSU) haben ihre Teilnahme angekündigt.
Die Entschließung des Parlaments ist rechtlich nicht verbindlich, hat aber einen hohen politischen Symbolwert. Für den Antrag stimmten 73 Abgeordnete; es gab keine Gegenstimmen und vier Enthaltungen. Die Opposition blieb der Sitzung aus Protest geschlossen fern, nach eigenen Angaben, um sich nicht an einer Initiative der extremen Rechten zu beteiligen. Auch die Ministerbank blieb auffallend leer.
Kritiker werfen Sudetendeutschen Relativierung der Nazi-Verbrechen vor
Die ultrarechte Freiheit und direkte Demokratie hatte die Vorlage eingebracht, die auch von der rechtspopulistischen ANO des Regierungschefs Andrej Babiš und der Autofahrerpartei Motoristen unterstützt wurde. Das Abgeordnetenhaus mit 200 Sitzen ist neben dem Senat eine der beiden Parlamentskammern in Prag. In der Entschließung heißt es unter anderem, dass die Veranstalter aufgerufen werden, von dem Vorhaben Abstand zu nehmen. Man verurteile "jegliche Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen und jegliche Infragestellung der Rechts- und Eigentumsverhältnisse" in Tschechien.
Posselt spricht von "Karikatur eines parlamentarischen Prozesses"
"Wir halten selbstverständlich an dem Vorhaben fest", sagte der Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Bernd Posselt, der Deutschen Presse-Agentur. Der oberste politische Repräsentant der Sudetendeutschen Volksgruppe und ehemalige CSU-Europaabgeordnete bezeichnete die Abstimmung im tschechischen Parlament als "Farce und Karikatur eines parlamentarischen Prozesses". Interessant sei, dass auch von den Abgeordneten der rechtsaußen angesiedelten Regierungsparteien etwa ein Drittel nicht erschienen sei oder nicht mitgestimmt habe, darunter Ministerpräsident Babiš und Außenminister Petr Macinka.
Offenbar große Unterstützung für Treffen in Brno
Posselt sagte, er sei nicht überrascht, dass Nationalisten und Kommunisten gegen das Treffen seien. Überrascht habe ihn hingegen das Ausmaß der Solidaritätsbekundungen aus Tschechien. Die Reihe der Unterstützer fange beim Literatur-Altmeister Pavel Kohout an und gehe über den Prager Erzbischof bis hin zu Politikern aller Oppositionsparteien. "Junge Leute melden sich in Massen, wollen freiwillig mitarbeiten", sagte der CSU-Politiker.
Bayerns Sozialministerin stellt sich hinter Sudetendeutsche
Auch Bayerns Sozialministerin und Schirmherrschaftsministerin der Sudetendeutschen, Ulrike Scharf (CSU), stellte sich hinter den Sudetendeutschen Tag in Brünn. Er werde ein "historisches Ereignis", teilte sie dem BR mit, "ein Signal für Frieden und Völkerverständigung für Europa und die ganze Welt!" Wo sich Völker damals mit Angst und Gewalt begegnet seien, stehe man in Brünn kommende Woche für Begegnung und Miteinander ein. "Als Schirmherrschaftsministerin stehe ich ganz klar zu den Sudetendeutschen."
Beziehungen haben sich eigentlich entspannt
Während der nationalsozialistischen Besatzung wurden hunderttausende Menschen auf dem damaligen Gebiet der Tschechoslowakei getötet – darunter Juden, Sinti und Roma, Tschechen und Slowaken. Nach dem Ende der deutschen Schreckensherrschaft waren rund drei Millionen Deutsche aus der damaligen Tschechoslowakei vertrieben worden. Viele von ihnen fanden in der Bundesrepublik eine neue Heimat. Bayern hat seit 1954 die Schirmherrschaft über die Volksgruppe inne.
Die Beziehungen Bayerns zu Tschechien waren lange belastet, insbesondere wegen des Streits über die Beneš-Dekrete, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Grundlage für die Vertreibung und Enteignung von Deutschen waren. Viele Jahre lang sorgten Reden von Vertriebenenfunktionären und CSU-Politikern auf Sudetendeutschen Tagen regelmäßig für Unmut in Tschechien. Erst 2010 reiste mit Horst Seehofer (CSU) erstmals ein bayerischer Ministerpräsident offiziell nach Prag, die Sudetendeutschen änderten ihre Rhetorik. Seither normalisierten sich die Beziehungen mehr und mehr. Die Landsmannschaft verzichtete mit einer Satzungsänderung 2015 auf ihre Forderungen nach "Wiedergewinnung der Heimat" und Rückgabe des beschlagnahmten Eigentums. Tschechische Minister nahmen wiederholt am Sudetendeutschen Tag als Redner teil.
Hinweis, 17.5.2026: Wir haben die Angabe der während der deutschen Besatzung getöteten Menschen auf dem Gebiet der früheren Tschechoslowakei präzisiert.
Mit Informationen von dpa
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