Im Inkubator liegt ein winziges Menschlein: Ein Frühchen, Schläuche hängen am ihm, Monitore sind angeschlossen. Sein Puls schlägt schnell. Das Baby kann nicht selbständig atmen. Um den Brutkasten herum stehen Ärztinnen und Pfleger, sie müssen den Kleinen nun hinüberschieben in die Frühchenstation im Neubau. Kleine Erschütterungen können unterwegs die Schläuche lockern. Das darf aber nicht passieren, der Tross setzt sich vorsichtig in Bewegung.
Das Frühchen gehört zu den ersten Patienten, die aus dem Altbau der München Klinik Harlaching in den Neubau nebenan umziehen.
Notaufnahme: Jederzeit können neue Patienten kommen
Jede Station hat einen klaren Zeitplan, den sie einhalten muss. Die Notaufnahme hat sich für den Umzugstag ab Mitternacht bei den Leitstellen abgemeldet. Rettungswägen fahren sie jetzt nicht an. Trotzdem ist es jederzeit möglich, dass "Laufkundschaft" vorbeikommt, also Patienten, die bei einem Notfall selbst zur Klinik kommen und nichts von dem Klinik-Umzug wissen. Die müssten dann im Umzugstrubel versorgt werden.
Im Video: Ein Klinik-Umzug der Superlative
Störungen sind schon einberechnet
Dass so ein Klinik-Umzug nicht störungsfrei verläuft, sei zu erwarten, sagt Nora Salein. Sie ist Anästhesistin und jetzt Teil des In-Betriebnahme-Teams. Taucht am Umzugstag ein Problem auf, versucht sie es schnell zu lösen.
Während des Umzugs sind ihr die Neonatologie und die Geburtsstation zugeordnet. Drei Frauen sind am Vortag noch gekommen, sie liegen in den Wehen. Im Neubau kontrolliert Salein noch einmal die Kreißsäle, damit die Frauen umziehen können. Allerdings fehlen Absauge-Vorrichtungen. Die sind notwendig, falls ein Neugeborenes keine Luft bekommt, weil der Hals verschleimt ist.
Der Umzug verzögert sich. Alles lasse sich nicht perfekt planen, sagt Salein, für so einen Umzug gibt es keinen optimalen Termin, weil immer noch irgendwo etwas fehlt. Ohne Improvisation werde es nicht laufen. Erst als die Absauge-Vorrichtungen installiert sind, gibt sie die Kreißsäle frei. Die Gebärenden im Altbau können jetzt kommen.
Alle Stationen in einem Haus
Die Klinik Harlaching ist der größte Krankenhaus-Neubau der letzten Jahre in Bayern. Etwa 295 Millionen Euro haben der Freistaat und die Landeshauptstadt München investiert. Auf 31.000 Quadratmetern Nutzfläche – etwa 4,5 Fußballfeldern – entstand seit Baubeginn 2020 ein modernes Krankenhaus mit 550 Betten und teilstationären Behandlungsplätzen.
Ziel des Neubaus ist unter anderem eine stärkere Vernetzung der Fachrichtungen mit der Notaufnahme. Stichwort: kürzere Wege. Was früher auf mehrere Gebäude verteilt war, ist jetzt unter einem Dach. Fünf Geschosse hoch, mit zwei Unter- und zwei Dachgeschossen, der Rettungshubschrauber kann jetzt auf dem Dach landen.
Realitätscheck: Der erste Notaufnahme-Patient
In der Notaufnahme steht nun plötzlich doch ein Sanka vor der Tür, obwohl die Notaufnahme immer noch abgemeldet ist. Ein Patient mit Verdacht auf Schlaganfall soll untersucht werden, die Notfall-Mediziner sind noch im Umzugsstress und gerade dabei, den zweiten Schockraum einzurichten.
Doch der erste Schockraum ist bereit, und was ebenso wichtig ist: Die Alarmkette im Neubau funktioniert, so dass nun auch Neurologen informiert werden und schnell in den Schockraum kommen. Der Realitätstest verläuft positiv, nach der Untersuchung gibt es Entwarnung für den Patienten Nummer 1 im neuen Klinikum Harlaching. Erleichterung bei den Ärzten und Nora Salein.
Wehmut im Altbau: "Das Herz ist schon ein Stück weit rübergezogen"
Unterdessen ist es im Altbau plötzlich sehr still. Der schmucklose Zweckbau stammt aus den 60er-Jahren, die Flure wirken dunkel, die Wände haben viel gesehen.
Andrea Killiches räumt in der Frühchenstation auf, wo kurz zuvor noch die Geräte standen. 33 Jahre hat sie hier gearbeitet. Sie habe viele schöne Erinnerungen und auch nicht so schöne Erinnerungen, sagt sie. Aber sie freue sich unwahrscheinlich auf den Neubau. "Da ist jetzt das Herz schon ein Stück weit rübergezogen", sagt sie – und knipst das Licht aus.
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