Heiraten, Haus bauen – Kinder kriegen. Das klingt, zumindest in der Theorie, nach einem klassischen Lebensplan. Doch die Realität sieht oft anders aus: Laut Bundesfamilienministerium ist fast jedes zehnte Paar in Deutschland ungewollt kinderlos. Die Gründe dafür sind vielfältig. Häufig liegen medizinische Ursachen zugrunde, aber nicht immer. Auch Alleinstehende oder gleichgeschlechtliche Paare wünschen sich ein Kind und stehen auf dem Weg dorthin vor besonderen Herausforderungen.
Verschiedene Behandlungsmöglichkeiten
Für viele Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch eröffnet die Reproduktionsmedizin heute gute Chancen, den Wunsch nach einem eigenen Kind zu erfüllen. Durch große Fortschritte in den vergangenen zehn Jahren stehen inzwischen verschiedene, individuell angepasste Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Professorin Nina Rogenhofer, Leiterin des Hormon- und Kinderwunschzentrums der Ludwig-Maximilians-Universität in München-Großhadern, spricht von einer "hochmodernen Medizin". Auch bei komplexen Fällen, bei denen früher keine Behandlung möglich gewesen sei, könne man heute oft helfen.
Kinderwunschmedizin in Bayern weit verbreitet
Die Kinderwunschmedizin ist längst keine Nische mehr. In Deutschland gibt es 139 Kinderwunschzentren, 23 davon in Bayern. "Wenn wir die letzten fünf Jahre bis einschließlich 2024 nehmen, dann sind in Deutschland knapp 138.000 Schwangerschaften durch die Reproduktionsmedizin entstanden. Geburten waren es letztlich 80.000", sagt Andreas Tandler-Schneider, Mediziner und Vorstandsvorsitzende vom Deutschen IVF Register.
Nicht jede Schwangerschaft führt zu einer Geburt. Die Fehlgeburtsrate lege bei etwa 20 bis 25 Prozent. Zum Vergleich: In Bayern sind knapp 23.000 Schwangerschaften durch künstliche Befruchtung entstanden - davon rund 13.000 Geburten. Statistisch gesehen kann man laut Tandler-Schneider sagen, dass in jeder Schulklasse in Deutschland ein bis zwei Kinder sitzen, die durch die Hilfe der Reproduktionsmedizin entstanden sind.
Die medizinischen Möglichkeiten sind also vielfältig – gleichzeitig entscheidet aber grundsätzlich der rechtliche Rahmen darüber, welche Wege Menschen mit Kinderwunsch offenstehen.
Die Ursache liegt etwa gleich oft bei Männern und Frauen
Die Gründe, warum eine Schwangerschaft ausbleibt, können sehr unterschiedlich sein. Bei Frauen können beispielsweise verschlossene Eileiter oder eine Endometriose eine Rolle spielen. Bei Männern hingegen liegt oftmals eine eingeschränkte Spermienqualität vor – etwa, wenn die Spermien zu wenig sind oder zu langsam.
Durchschnittlich liegt die Ursache aber zu gleichen Teilen beim Mann und bei der Frau, betont Nina Rogenhofer. "Man darf nicht immer denken, die Frauen sind die Hauptursachenträger. Es sind ganz häufig auch die Männer", sagt die Professorin. Gerade diese unterschiedlichen Ausgangslagen erklären, warum es in der Reproduktionsmedizin nicht nur eine Behandlungsmethode gibt, sondern verschiedene Verfahren zum Einsatz kommen.
Alter entscheidend für Erfolgschancen
Zu den zugelassenen Verfahren gehört beispielsweise die intrauterine Insemination (IUI). Dabei werden aufbereitete Spermien direkt in die Gebärmutter eingebracht. Häufig eingesetzt wird außerdem die sogenannte In-vitro-Fertilisation (IVF). Dabei werden Eizellen und Spermien außerhalb des Körpers im Labor zusammengebracht. Bei der Intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI) wird hingegen ein einzelnes Spermium gezielt direkt in die Eizelle eingebracht. Welche Behandlung infrage kommt, hängt von der jeweiligen medizinischen Situation ab.
Trotz der vielen Möglichkeiten bleibt ein Faktor besonders entscheidend: das Alter der Frau. Andreas Tandler-Schneider vom Deutschen IVF-Register erklärt: Bei vier hintereinander durchgeführten Behandlungszyklen lägen die Chancen für eine Schwangerschaft bei Frauen unter 35 Jahren bei etwa 80 Prozent. Zwischen 35 und 39 Jahren seien es ungefähr 66 Prozent. Ab einem Alter von über 40 Jahren würden die Schwangerschaftsraten dagegen immens sinken.
Mit einer Samenspende zum Wunschkind
Für alleinstehende Frauen ist eine Kinderwunschbehandlung mit einer Samenspende in Deutschland erlaubt und wird auch inzwischen von vielen Kinderwunschzentren bundesweit durchgeführt, so Tandler-Schneider.
Anders ist die Situation für alleinstehende Männer oder homosexuelle Paare. Ein genetisch eigenes Kind ist für sie in der Regel nur mithilfe einer Leihmutterschaft möglich – diese ist in Deutschland jedoch strikt verboten. Andreas Spickhoff, Professor für Medizinrecht an der LMU München hat hier Fragen: "Ist das eigentlich verfassungsrechtlich mit dem Grundsatz der Gleichbehandlung von Männern und Frauen kompatibel? Es gibt viele Verfassungsrechtler, die das als sehr problematisch und angreifbar ansehen".
Warum manche Menschen ins Ausland gehen
Für die Reproduktionsmedizin sind in Deutschland unter anderem das Embryonenschutzgesetz und das Transplantationsgesetz maßgeblich. Ergänzt werden sie durch weitere Vorschriften, etwa das Samenspenderregistergesetz.
Da diese Gesetze nur innerhalb Deutschlands gelten, weichen manche Menschen mit Kinderwunsch für bestimmte Behandlungen ins Ausland aus. Beispiel Eizellspende: Diese ist hierzulande verboten, in einigen anderen Ländern – etwa in Teilen der USA – hingegen erlaubt. Das führt dazu, dass Frauen für eine Eizellspende in das Ausland reisen, das Kind aber legal in Deutschland auf die Welt kommt. Warum das möglich ist, erklärt Andreas Spickhoff: "Es ist so, dass das Embryonenschutzgesetz international strafrechtlich nur anwendbar ist, wenn die Straftat auf dem deutschen Staatsgebiet stattfindet. Das ist das berühmte Tatortprinzip, das grundsätzlich im internationalen Strafrecht gilt".
Die Reproduktionsmedizin bewegt sich damit zwischen medizinischem Fortschritt, gesetzlichen Grenzen und gesellschaftlichen Fragen. Welche Verfahren künftig erlaubt sein sollen und wem welche Behandlungen offenstehen, bleibt weiterhin Gegenstand politischer und ethischer Debatten.
Die genannten Verfahren sind nur ein Teil der Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin in Deutschland
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