Wurde Opfer des Verdi-Anschlags: Erhan Er.
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Anschlag auf Verdi-Demo: Ein Opfer und die seelischen Folgen

Anschlag auf Verdi-Demo: Ein Opfer und die seelischen Folgen

Ein Auto rast 2025 in München in eine Verdi-Demo: Zwei Menschen sterben. Erhan Er überlebt – doch die Bilder verfolgen ihn bis heute. Er kämpft mit den seelischen Folgen, während der Prozess gegen den mutmaßlichen Attentäter läuft.

Über dieses Thema berichtet: BR24 Instagram am .

Dem Attentäter begegnet Erhan Er immer wieder – in seinen Gedanken, aber auch auf seinem Smartphone. "Da liegt er", sagt Erhan Er, mehr als zwei Jahre danach. Er sitzt auf einer grünen Parkbank in München und blickt auf den Bildschirm. Darauf laufen die Videos, die er selbst am Tatort aufgenommen hat. Die Bilder zeigen das Chaos, die Panik: durcheinanderlaufende Menschen, Polizisten – und den Attentäter, der am Boden liegt.

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Opfer haben schlaflose Nächte

Am 13. Februar 2025 erschüttert ein Anschlag die Stadt München. Ein 24-jähriger Afghane fährt mit einem Auto in einen Demonstrationszug der Gewerkschaft Verdi. Zwei Menschen sterben, 43 werden teils schwer verletzt. Unter den Verletzten: Erhan Er. Für Opfer wie ihn beginnt ein langer Weg – körperlich und seelisch. Er kämpft vor allem mit den seelischen Folgen.

Manchmal sitzt er nachts in der Küche, raucht eine Zigarette nach der anderen und sieht sich die Aufnahmen immer wieder an – in der Hoffnung, doch noch ein Detail zu erkennen, das erklärt, wie es dazu kommen konnte.

Der mutmaßliche Täter hat angegeben, den Anschlag verübt zu haben, um auf das Leid von Muslimen aufmerksam zu machen. Unter den Todesopfern waren eine 37-jährige Muslima und ihre zweijährige Tochter, die zunächst lebensgefährlich verletzt wurden und später im Krankenhaus starben. Erhan Er ist selbst Familienvater – vielleicht trifft ihn das auch deshalb besonders tief.

Ein vorbeifahrendes Fahrrad kann Panik auslösen

Seit Januar läuft der Prozess unter hohen Sicherheitsvorkehrungen am Oberlandesgericht München. Beobachter berichten, dass der Angeklagte im Gerichtssaal den erhobenen Zeigefinger gezeigt hat – ein religiöses Symbol, das von Terrororganisationen wie dem sogenannten Islamischen Staat oder Al-Qaida propagandistisch missbraucht wird. Was im Gericht verhandelt wird, ruft das Geschehene bei Erhan A. immer wieder wach.

"An dem Tag, wo es passiert ist, ist die Gefahr von hinten gekommen. Und das ist mein aller größtes Problem. Selbst wenn ein Fahrradfahrer an mir vorbeifährt, krieg ich die Krise. Ich könnte unter die parkenden Autos kriechen und mich verstecken", sagt er. "Immer wieder kommen die gleichen Bilder in den Kopf. Immer wieder, immer wieder."

Viele Opfer des Verdi-Anschlags kämpfen nicht nur mit den psychischen Folgen, sondern auch mit finanziellen Problemen. Arbeiten können viele nicht mehr, eine vollständige Kompensation für den Verdienstausfall gibt es oft nicht.

Attentäter islamistisch radikalisiert?

Der Angeklagte selbst schweigt bislang. Laut Gerichtssprecher Laurent Lafleur geht die Bundesanwaltschaft davon aus, dass er sich spätestens ab Herbst 2024 radikalisiert habe. Der Täter habe also islamistisch motiviert gehandelt. Bis zu einem Urteil gilt die Unschuldsvermutung. Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, wären die Opfer des Verdi-Anschlags auch Opfer einer islamistischen Online-Radikalisierung in Deutschland.

Die möglichen Folgen einer islamistischen Online-Radikalisierung

In sozialen Netzwerken und Chatgruppen verbreiten sich emotional aufgeladene, vereinfachte Inhalte schnell und können schrittweise zu Weltbildern führen, in denen Gewalt als legitim erscheint.

Expertinnen und Experten wie Hans-Jakob Schindler von der transatlantischen Denkfabrik "Counter Extremism Project" betonen, dass Radikalisierung meist mehrere Ursachen hat – etwa persönliche Krisen oder Isolation. Präventionsangebote setzen daher früh an, mit Aufklärung und Unterstützung für Betroffene und ihr Umfeld.

Erhan Er: Mutmaßlicher Islamist tötet Muslime

Einige Wochen nach Prozessbeginn trifft Erhan Er seinen Anwalt René-Dirk Hundertmark. Erhan Er erinnert sich daran, dass der Täter unmittelbar nach der Tat Selbstgespräche geführt habe, die für ihn wie ein Gebet klangen. Hundertmark ergänzt, was ermittelt wurde. Die Polizei hat das Handy des Angeklagten durchsucht. Dabei ging es vor allem um eine Frage. "Wem folgt man auf Instagram? Und entsprechend haben die Zeugen angegeben, dass vermehrt wahrgenommen wurde, dass er doch immer mehr Beiträgen gefolgt ist, die einen islamistischen Hintergrund haben", sagt der Anwalt.

Für Er bleibt vieles unverständlich. "Wer ist denn letztendlich gestorben? Eine muslimische Frau, ihr muslimisches Kind – und ich bin auch Muslim", sagt er. Gerade deshalb empfindet er die Tat als doppelt verstörend: Sie trifft Menschen unabhängig von Herkunft oder Glauben – und schürt zugleich Vorurteile. Über den mutmaßlichen Attentäter sagt er: "Ich kann es nicht nachvollziehen, aber genau wegen solchen Menschen werde ich gehasst."

Fast durchgehend krankgeschrieben

Der Angeklagte wartet derzeit in der Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim auf sein Urteil. Wie es für Erhan Er weitergeht, weiß er selbst nicht. Früher arbeitete er bei der Stadt München, galt als zuverlässig und geschätzt. Doch seit dem Attentat ist er nahezu durchgehend krankgeschrieben. Einmal hat er versucht, an seinen Arbeitsplatz zurückzukehren – aber die Belastung war zu groß.

BR24 auf Instagram: Angst nach dem Anschlag auf Verdi-Demo in München

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