Vor fast einem Jahr ist in München ein 25-jähriger Afghane mit seinem Auto in eine Demonstration der Gewerkschaft Verdi gefahren. Eine Frau und ihre kleine Tochter starben, 43 weitere Menschen wurden teils schwer verletzt. Die Bundesanwaltschaft spricht von islamistischem Terror. Im Prozess schweigt der Angeklagte zur Tat - nun sprechen andere. Am dritten Verhandlungstag sagte ein Mitarbeiter der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) als Zeuge aus.
"Wir brauchen Retter - alles, was da ist!"
Er habe plötzlich einen weißen Mini-Cooper neben sich bemerkt, so der Mitarbeiter. Darüber sei er sehr überrascht gewesen, immerhin hätten er und die Polizeifahrzeuge die Straße zuvor weitgehend abgeriegelt. Mit seinem blauen Unfall-Hilfsfahrzeug war der Mann am Ende des Demonstrationszuges dafür eingeteilt, Straßenbahn- und Buslinien während der Demo aus dem Verkehr herauszuhalten.
Kurz nachdem er den Mini bemerkt habe, habe er bereits das laute Aufheulen des Motors gehört, so der Zeuge. Daraufhin habe der Kleinwagen Vollgas gegeben und sei, ohne zu bremsen, in die Menschenmenge gefahren. Dumpfe Aufprallgeräusche seien gefolgt. Mit den Worten: "Wir brauchen Retter - alles, was da ist!" forderte der MVG-Mitarbeiter nach eigener Aussage sofort Hilfe an und hielt dann den Weg für anfahrende Rettungsfahrzeuge frei.
"Menschen fliegen durch die Luft"
Auch ein Polizist, der am Tag der Tat Dienst hatte, sagte vor Gericht als Zeuge aus. Er war neben dem Fahrzeug der Münchner Verkehrsgesellschaft ebenfalls unmittelbar hinter den Demonstrierenden gefahren - und auch er wurde von dem plötzlich auftauchenden weißen Mini überrascht.
Er habe noch kurz den Gedanken gehabt, das Lenkrad seines VW-Busses herumzureißen, um so das weiße Kleinfahrzeug aufzuhalten, so der Polizist. "Wenn ich das jetzt nicht verhindere, rast das Auto in die Menge", habe er gedacht. Dann habe der Wagen aber auch schon Gas gegeben und der Polizist habe die Menschen und einen Kinderwagen durch die Luft fliegen sehen.
Attentäter soll nach Anschlag geschluchzt haben
Ein weiterer Polizist sagte aus, er sei zu dem Mini-Cooper gelaufen, um sowohl das Auto als auch den Fahrer zu stoppen. Weil die Türen von innen verriegelt waren, habe er kurz, aber erfolglos versucht, mit der Faust die Beifahrerscheibe einzuschlagen. Dann habe er sich zum Einsatz seiner Dienstwaffe entschlossen. Durch einen Schuss in Richtung des unbesetzten Beifahrersitzes sei die Scheibe zu Bruch gegangen und er habe er das Auto von innen entriegeln und den Motor abschalten können.
Währenddessen sei der Angeklagte nach wie vor auf dem Gaspedal gestanden, der Motor habe immer noch laut aufgeheult. Das Auto habe aber aufgrund der unter ihm liegenden Menschen nicht mehr weiterfahren können. Der Angeklagte selbst sei aufrecht und stocksteif auf dem Fahrersitz gesessen, habe sich eine Hand vors Gesicht gehalten und die Zähne zusammengebissen. Laut Aussage des Beamten machte der Angeklagte den Eindruck, als müsse er gleich weinen. Tränen oder Schweißausbrüche des Angeklagten habe er nicht gesehen, aber mehrmals ein kurzes Schluchzen wahrgenommen.
Polizist wollte Mutter und Kind noch helfen
Gestern hatte ein Polizist berichtet, wie er der schwer verletzten Mutter am Ende des Zuges helfen wollte. Die Frau sei noch bei Bewusstsein gewesen, habe nach ihrem Kopf und nach ihrer Tochter gegriffen. Bei dem Kind habe er keine Reaktion mehr wahrgenommen, so der Beamte. Der Kinderwagen sei, "dem Erdboden gleich" gewesen.
Der angeklagte Afghane habe keinen Widerstand gezeigt, als er aus seinem Auto geholt wurde, so der Augenzeuge weiter. Sehr ruhig und "bewusstseinsgetrübt“ habe er gewirkt, sein Blick sei starr und ins Leere gerichtet gewesen. Wenn er angesprochen wurde, habe er nichts erwidert.
Angeklagte unter Terrorverdacht
Der Angeklagte verfolgte die Aussagen der Zeugen aufmerksam - sie wurden ihm per Dolmetscher übersetzt. Der Afghane steht unter Terrorverdacht und muss sich wegen zweifachen Mordes und 44-fachen versuchten Mordes verantworten. Für den Prozess sind Termine bis Ende Juni angesetzt.
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