Immer, wenn die Tür zu ihrem Zimmer aufgeht, ist Rosemarie Dürwanger froh. Seit letztem Herbst wohnt sie im Pflegeheim Münchenstift an der Rümannstraße in Schwabing. Das Alleinsein war ihr zunehmend schwergefallen – hier im Pflegeheim erhält sie rund um die Uhr die nötige medizinische Betreuung. Und vor allem: menschliche Zuwendung. Im mitunter stressigen Pflegealltag kommt die aber oft zu kurz.
Das könnte sich nun auch dadurch ändern, dass die Pflegekräfte künftig eine längere Tagesarbeitszeit wählen können: rund zehn statt bisher acht Stunden. Das sorgt für längere Überlappungszeiten zwischen den Schichten. Für Rosemarie Dürwanger wäre das ein Gewinn: "Es ist schön, wenn immer die gleiche Pflegekraft da ist, weil man sich an sie gewöhnt hat."
Lieber rund zehn Stunden Arbeit und einen Tag frei?
Ab Juni darf sie sich freuen: Denn auf ihrer Pflegestation haben sich acht Kräfte für die erstmals angebotene Vier-Tage-Woche entschieden – ein bayernweit wohl einzigartiges Projekt im Pflegebereich. Für Fachkraft Yennifer Rojas aus Venezuela ist nach der Testphase klar: Lieber täglich rund zehn Stunden arbeiten, dafür einen Tag pro Woche mehr frei haben: "Das Schönste ist, dass ich mehr Zeit mit meinen Bewohnern verbringe." Sie könne sich die Dokumentation besser einteilen, das sorge für weniger Stress.
Doch es gebe auch anstrengende Zehn-Stunden-Tage. Bei einigen älteren Pflegekräften hatte die Testphase laut Hausleitung gezeigt, dass ihnen ein Arbeitstag mit rund zehn Stunden zu viel war. Auch junge Familien hätten bei längerer Tagesarbeitszeit zum Beispiel Probleme, ihre Kinder rechtzeitig von Schulen oder Kitas abzuholen.
Test zeigt weniger Krankheitstage
Deshalb wollen Zweidrittel der Pflegekräfte auf dieser Station in Schwabing lieber beim Fünf-Tage-Modell bleiben. Aus Dienstplan-Gründen funktioniere auch nur die Mischung aus beiden Modellen, sagt der Geschäftsführer der Münchenstift GmbH, Andreas Lackner. Trotz gestiegenem Planungsaufwand habe die Testphase viel Positives gezeigt: "Nicht nur die Mitarbeiterzufriedenheit steigt, sondern wir haben auch festgestellt, dass die Krankheitsquote in den Bereichen deutlich reduziert wurde - und damit auch wiederum mehr Mitarbeiter zur Verfügung stehen."
Flexible Dienstpläne als Werbeargument
Im Werben um schwindende Pflegefachkräfte will die Münchenstift GmbH auf diese Weise attraktiver werden. Bisher wird die Höchstarbeitszeit von rund zehn Stunden bei vielen Sozialträgern in den Nachtdiensten angewandt. Die Tochtergesellschaft der Landeshauptstadt bietet sie nun auch für den Tagdienst an.
Pflegeverband warnt vor Selbstüberschätzung
Andrea Hopfner von der Vereinigung der Pflegenden in Bayern begrüßt diese Flexibilität – warnt aber davor, dass Mitarbeitende sich selbst überschätzen könnten. Denn knapp zehn Stunden Arbeit im Tagdienst seien nicht ohne, so Hopfner – auch, wenn es nur vier Tage pro Woche sind. Münchenstift verspricht immerhin, dass Mitarbeitende nach zwei Monaten jederzeit wieder zur Fünf-Tagewoche zurückkehren können.
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