Ihren Mann, mit dem sie später bei der Terrororganisation IS landen sollte, lernte Lydia G. schon 2003 kennen – während eines Tunesien-Urlaubs. Da war sie 15, er 19 Jahre alt. Lydia G. – christlich erzogen, hatte eine nach eigener Aussage glückliche Kindheit in Strullendorf bei Bamberg, in der sogenannten fränkischen Toskana. Hier wuchs sie auf, machte Abitur – und von dort reiste sie 2014 mit ihren drei damals noch kleinen Kindern in den Terror.
Schwere Vorwürfe und ein spätes Eingeständnis
Die Vorwürfe wiegen schwer: Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland und dreifache Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht. Vor dem Oberlandesgericht München räumt die heute 38-Jährige ein, dass die Anschuldigungen im Kern zuträfen. Mit blauem Kopftuch und weißem Überwurf schildert sie in einer vorbereiteten Erklärung ihren Weg: 2007 sei sie zum Islam konvertiert, habe sich in Deutschland zunehmend als Außenseiterin gefühlt, belastet auch durch die Alkoholkrankheit und Suizidversuche ihres Vaters.
Nach der Hochzeit 2008 soll sich das Ehepaar spätestens ab 2011 radikalisiert haben. Ihr Mann und Vater der drei Kinder reiste im Juli 2014 über die Türkei in den Irak und schloss sich dem IS an; absolvierte eine militärische Ausbildung und erhielt eine Kalaschnikow. Lydia G. bestreitet, zu diesem Zeitpunkt bereits radikal gewesen zu sein; beschreibt vielmehr Einsamkeit, Überforderung mit drei kleinen Kindern und das Schweigen über die Ausreise ihres Mannes als große Belastung. Unter seinem Einfluss und aus Angst, ihn zu verlieren, habe sie schließlich nachgegeben und sei am 30. September 2014 mit den Kindern über die Türkei nach Syrien geflogen.
Zwischen Alltag und Terror: Lydia G.s Leben im IS-Herrschaftsgebiet
Dort lebte die Familie zunächst in einer vom IS gestellten Wohnung in Raqqa. Der Ehemann kämpfte für die Organisation und tötete sich im Ramadan 2015 bei einem Selbstmordanschlag. In einer WhatsApp-Nachricht an ihre Mutter schrieb die Angeklagte damals, er habe sich "mit drei Tonnen Sprengstoff in Luft aufgelöst", es sei "Schicksal von Allah" – heute lösten diese Worte bei ihr "Brechreiz und Schmerzen" aus.
Sie spricht von einer Radikalisierung erst in Syrien und davon, im Sog der Propaganda in einer "anderen Welt" gelebt zu haben. Belastend ist ein im Dezember 2014 gesichertes Facebook-Foto, das ihren Mann mit zwei kleinen Kindern auf dem Schoß zeigt, während er eine AK-47 und eine Handgranate hält – Waffen, die sich laut Anklage zeitweise auch im gemeinsamen Haushalt befanden.
Lydia G. selbst betont, sie habe "nicht mehr gemacht, als den Haushalt zu führen und die Kinder zu versorgen" und nie selbst Gewalt ausgeübt.
Im Video: Wie geht es IS-Angehörigen?
Was ist eigentlich mit den deutschen Männern, Frauen und Kindern, die noch in Syrien sind?
Blumenbeet in Lagerhaft
Ende 2015 heiratete sie nach islamischem Ritus ein weiteres IS-Mitglied und wurde dessen Zweitfrau. Am 28. Januar 2018 wurde das von der Familie bewohnte Haus bombardiert; ihr zweiter Ehemann kam ums Leben. 2019 ergab sie sich mit ihren Kindern und kam in kurdische Lagerhaft. Dort landeten damals viele Frauen mit IS-Vergangenheit, weil die Terrororganisation immer weiter zurückgedrängt wurde.
Sie beschreibt die Zeit in Lagerhaft teilweise anders, als es öffentlich dargestellt wird: Einerseits habe es einfache Freizeitangebote für Kinder gegeben, Nachbarschaften zwischen den Zelten, sogar Blumen, die man pflanzte, um sich ein Stück Normalität zu schaffen. Andererseits seien viele überzeugte IS-Anhängerinnen unter den Frauen gewesen, die großen Druck ausübten und eine strenge ideologische Linie einforderten.
Von Aussteigerprogramm betreut
Erst im September 2024 gab sie sich im Lager gegenüber der kurdischen Verwaltung als Deutsche zu erkennen und bat um Rückkehr; nach eigenen Angaben war sie zuvor aus Angst vor radikalen Mitinsassinnen zurückhaltend. Kontakt hielt sie dort auch zum Verein "Grüner Vogel", der sich um Islamismus-Aussteiger kümmert und den Draht zu deutschen Behörden herstellte.
Am 1. Mai 2025 wurde sie nach Deutschland zurückgebracht. Seither sitzt sie in U-Haft und wird vom Aussteigerprogramm "Violence Prevention Network" betreut. Im Saal saß ihre Mutter, die sich gemeinsam mit der Schwester um die Kinder kümmert. Sie vermisse ihre Kinder jeden Tag im Gefängnis, sagt Lydia G. Sie hätten sich auch dank der Mutter gut in Deutschland integriert.
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