Wenn man ein bestimmtes Ergebnis erwartet und dann, wenn es kommt, trotzdem überrascht ist – dann ist wirklich was passiert. So könnte man die Reaktionen vieler Münchnerinnen und Münchner beschreiben, als gegen 19.15 Uhr am Sonntagabend der erste Trend für die Wahl des Münchner Oberbürgermeisters bekannt wurde. Denn der überraschte gleich doppelt.
Nur gut 35 Prozent für Amtsinhaber Reiter
Überraschung eins: Amtsinhaber Dieter Reiter (SPD) kam nach Auszählung von etwa der Hälfte aller Wahllokale nur auf 34,9 Prozent der bis dahin ausgezählten Stimmen. Überraschung zwei: Damit lag Reiter nur knapp vor dem bisherigen Zweiten Bürgermeister, Dominik Krause von den Grünen; für ihn wies der erste Trend 30,2 Prozent der Wählerstimmen aus. Clemens Baumgärtner (CSU) – auch er als ehemaliger Wirtschaftsreferent und Wiesn-Chef kein Unbekannter für die Münchnerinnen und Münchner – kam nur auf 21,1 Prozent.
Und diese Zahlen änderten sich nur noch wenig: Nach dem vorläufigen Ergebnis kommt Reiter auf 35,6 Prozent der Stimmen, Krause auf 29,5 Prozent und Baumgärtner auf 21,3 Prozent.
Reiters "Fettnäpfchen-Woche": FC Bayern und "N-Wort"
45 Prozent für den Amtsinhaber waren vor einigen Wochen prognostiziert worden. Doch das war vor Reiters "Fettnäpfchen-Woche". Vor allem sein Engagement beim FC Bayern fiel ihm auf die Füße, als nach Diskussionen über seinen neuen Sitz im Aufsichtsrat auch noch bekannt wurde, dass er für seine Aufgabe als Verwaltungsbeirat seit Ende 2021 eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 10.000 Euro pro Halbjahr bekommen hat, ohne dafür eine Genehmigung des Münchner Stadtrates zu haben. Dass diese notwendig gewesen wäre, sei ihm nicht bewusst gewesen, so Reiter.
Und als sei das noch nicht genug gewesen, ließ er in der Stadtratssitzung auch noch das "N-Wort" fallen – über ein beiläufiges Zitat eines Stücks des Kabarettisten Fredl Fesl, für das er sich schnell entschuldigte, aber es war nun mal passiert und im Stream der Sitzung für alle nachhörbar.
40 Prozent war die "Erfolgsmarke"
Mit 47,9 Prozent war Reiter 2020 in die Stichwahl gegangen. Wenn es heuer unter die 40 Prozent geht, wird es ungemütlich für ihn, hörte man im Vorfeld.
Doch man mag in der SPD darauf gehofft haben, dass gut ein Drittel der Wählerberechtigten per Briefwahl abgestimmt hat und damit noch bevor sich die Negativschlagzeilen gehäuft hatten. Und dann: gut 35 Prozent und den Verfolger auf den Fersen. Da gab es nichts mehr schönzureden.
Reiter: "Enttäuschender Wahlabend"
Und das versuchte Dieter Reiter auch gar nicht. Hörbar angefasst sprach er kurz nach dem ersten Trend im BR Fernsehen von einem "enttäuschenden Wahlabend" für ihn. "In den letzten zwei Wochen habe ich ein, zwei Fehler gemacht. Das ist schlecht und tut mir leid. Das hat das Ergebnis natürlich deutlich beeinflusst." Er entschuldigte sich ein weiteres Mal.
Angesichts der anstehenden Stichwahl sagte Reiter: "Für mich und meine Partei geht es jetzt darum, klarzulegen, wofür wir stehen, und Vertrauen bei den Wählerinnen und Wählern zurückzugewinnen."
Politikwissenschaftlerin: Nicht nur die Vorwoche schuld
Doch für die Politikwissenschaftlerin Ursula Münch ist Reiters schlechtes Wahlergebnis besonders deshalb bemerkenswert, weil es nicht allein auf Fehltritte der Vorwoche zurückzuführen sei. "Es muss Reiter Sorgen machen, dass es schon vor Bekanntwerden eine gewisse Abwanderbewegung gegeben hat", so Münch im BR Fernsehen und fügte hinzu: "Es reicht nicht, dass er sich entschuldigt für diese Geschichte mit dem FC Bayern."
Reiter müsse sich überlegen, was er falsch gemacht habe, "vielleicht auch eine gewisse Arroganz der Macht", so Münch. "Das kommt nie gut an."
Reiter bei Wahlraum-Wählern sogar hinter Krause
Trotzdem: Wie sehr die jüngsten Ereignisse dem Amtsinhaber geschadet haben müssen, darauf gibt der Vergleich der Briefwahl- mit den Wahlraum-Ergebnissen Hinweise.
Kam Reiter bei den Briefwählern noch auf 39,1 Prozent, waren es im Wahlraum nur noch 30,8 Prozent – während der Grünen-Herausforderer bei den Briefwählern nur 27,2 der Stimmen bekam, im Wahlraum Reiter dann aber mit 32,5 Prozent sogar überholte.
Stichwahl in zwei Wochen
In zwei Wochen muss Reiter nun gegen Krause in die Stichwahl – und hoffen, dass ihm in dieser Zeit kein weiterer Fauxpas passiert.
Dass er nicht ein weiteres Mal Tempo-50- und Tempo-30-Schilder auf dem Mittleren Ring gegeneinander austauschen lassen muss, und dass niemand illegal versucht, die platte Eisbachwelle wieder auferstehen zu lassen.
Auf Instagram: Stichwahl ums Oberbürgermeister-Amt München
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