Die Grünen haben mit ihrem Spitzenkandidaten Cem Ozdemir die Landtagswahl in Baden-Württemberg gewonnen - wenn auch knapp. Mit 30,2 Prozent landeten sie laut dem vorläufigen amtlichen Endergebnis vor dem derzeitigen Koalitionspartner CDU mit Herausforderer Manuel Hagel (29,7 Prozent). Die AfD ist mit 18,8 Prozent drittstärkste Kraft. Die SPD hat mit 5,5 Prozent gerade so in den Landtag geschafft.
Die FDP und die Linke verpassen mit jeweils 4,4 Prozent den Einzug. Es gilt als wahrscheinlich, dass Grüne und CDU erneut zusammen regieren. Ministerpräsident dürfte dann Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir werden.
Der bisherige Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der eine grün-schwarze Koalition führt, war nach fast 15 Jahren im Amt nicht mehr angetreten. Bis vor wenigen Wochen hatte in Umfragen die CDU klar vorn gelegen, doch die Grünen holten den Rückstand auf.
Jubel für Özdemir
Özdemir wurde auf der Wahl-Party der Grünen mit lautem und langem Jubel begrüßt. "Was für ein Wahlkampf, was für eine fulminante Aufholjagd", rief er. Es sei noch zu früh, "um final etwas zu sagen", betonte er. "Aber das, was wir schon wissen, darüber kann man sich wirklich freuen." Unabhängig vom Ergebnis: Es solle nach der Wahl um das Landeswohl und nicht um Parteiinteressen gehen. "So möchte ich das Land führen."
Hagel dankte in einer ersten Reaktion allen Wählerinnen und Wählern, "die uns mit ihrer Stimme ihr Vertrauen geschenkt haben". Eine Koalition mit der AfD, die rechnerisch möglich wäre, schloss er aus: "Für mich ist kein Amt der Welt so wichtig, dass ich mich mit Stimmen der AfD dort hineinwählen lasse", sagte er im SWR.
FDP wird wohl erstmals seit 70 Jahren aus dem Landtag fliegen
Konsequenzen aus dem Wahlergebnis zog bereits der SPD-Spitzenkandidat Andreas Stoch. Er kündigte seinen Rückzug als Landes- und Fraktionschef an, wie SPD-Generalsekretär Sascha Binder der Deutschen Presse-Agentur sagte. Auch der Spitzenkandidat der FDP Hans-Ulrich Rülke kündigte seinen Rücktritt vom Landesvorsitz an. Seine Partei dürfte den Hochrechnungen zufolge erstmals in ihrem Stammland aus dem Landtag fliegen, dem sie seit mehr als 70 Jahren angehört.
Sexismus-Vorwürfe gegen Hagel
Im Wahlkampfendspurt sorgte ein etwa acht Jahre altes Video des CDU-Spitzenkandidaten Hagel für Wirbel, das eine grüne Bundestagsabgeordnete auf Social Media gepostet hatte. Darin berichtete Hagel von einem Besuch in einer Realschulklasse mit vorwiegend Mädchen: "Da gibt’s für 29-jährige Abgeordnete schlimmere Termine als diesen." Zudem sprach er über eine Schülerin: "Ich werd's nie vergessen, die erste Frage, sie hieß Eva, braune Haare, rehbraune Augen."
Der CDU-Politiker sah sich deswegen Sexismus-Vorwürfen ausgesetzt. Hagel bezeichnete seine Aussage rückblickend selbst als "Mist". Özdemir nahm den CDU-Herausforderer in Schutz. Im SWR sagte er: "Ich bin mir sicher, Herr Hagel würde das heute nicht mehr formulieren."
Reaktionen aus dem Bund auf die Landtagswahl in Baden-Württemberg
Auf Bundesebene sieht Co-Parteichef Felix Banaszak seine grüne Partei durch das Abschneiden in Baden-Württemberg im Aufwind. "Dieses Ergebnis bringt uns so einen Rückenwind", sagte er. "Mit den Grünen ist zu rechnen in diesem Land." Auch CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann lobte den Wahlkampf seiner Partei – trotz der Aufholjagd der Grünen zum Schluss : "Ich will es nicht schönreden, trotzdem ist es so, dass die CDU Baden-Württemberg klar zugelegt hat", sagte er in der ARD.
Die AfD-Co-Bundesvorsitzende Alice Weidel zeigt sich zufrieden mit dem Abschneiden ihrer Partei. "Das läuft auf eine Verdoppelung unseres Ergebnisses hinaus, und damit können wir sehr zufrieden sein", sagte sie in der ARD. Auch Linke-Chefin Ines Schwerdtner zeigte sich trotz des wahrscheinlichen Scheiterns ihrer Partei an der Fünf-Prozent-Klausel zufrieden mit ihrem "historisch besten Ergebnis in dem Land".
Ganz anders die Stimmung bei SPD und FDP: SPD-Co-Chef Lars Klingbeil sprach von einem "total bitteren Abend" für seine Partei. Das schwache Abschneiden seiner Partei erklärte er mit der "Dynamik" des Zweikampfs zwischen Grünen und CDU. Ähnlich äußerte sich FDP-Chef Christian Dürr.
Im Video: Grün liegt knapp vor Schwarz in Baden-Württemberg
Grün liegt knapp vor Schwarz in Baden-Württemberg - das wirft sicher auch in Berlin viele Fragen auf.
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