Brigitte Mark war gestürzt, hat sich den Schenkelhals gebrochen – eine typische Verletzung bei älteren Menschen. Sie ist jetzt 70 Jahre alt. Vor zwei Wochen wurde sie in der Uniklinik Würzburg operiert. Danach ging es für sie auf die neue geriatrische Station, also eine eigens für ältere Patientinnen und Patienten. Ihr Ziel: zurück nach Hause. Die Herausforderung: Treppensteigen. Im eigenen Haus sind das 26 Stufen. Bisher schafft sie keine einzige. Und in drei Tagen wird Brigitte Mark entlassen.
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Uniklinik stopft ein Loch im Versorgungssystem – ein neues geht auf
Die Voraussetzungen hier sind gegeben: Denn in diesem Gebäude am Stadtrand befand sich bis vor einem Jahr eine geriatrische Reha – die allerdings wegen Millionendefizits des Trägers schließen musste. Die Uniklinik sprang ein, übernahm einen Großteil des Teams und machte daraus eine geriatrische Station.
Damals stand viel auf dem Spiel, sagt Oberärztin Dr. Kathrin Tatschner: "Wenn die Uniklinik das Gebäude nicht übernommen hätte, wäre es komplett geschlossen worden. Dann hätten wir gar keine Versorgung mehr für die älteren Patienten in der Region gehabt." Denn die geriatrische Reha hier war die letzte im Raum Würzburg.
Altersmedizinerin spricht von "klaffender Lücke" im System
Nach der akutgeriatrischen Behandlung in der Uniklinik seien manche Patientinnen und Patienten so weit, dass sie nach Hause können. Aber manche bräuchten eine Weiterbehandlung, um überhaupt je wieder auf die Beine zu kommen. "Dort haben wir eine echt klaffende Lücke", erklärt Oberärztin Dr. Tatschner.
Eine Lücke im Versorgungssystem für geriatrische, also ältere, Menschen. Die dazu führt, dass mehr Menschen pflegebedürftig werden, warnt der Bundesverband Geriatrie. Weil sie zuhause oder im Seniorenheim keine so engmaschige Therapie bekommen wie in einer geriatrischen Reha, in der die älteren Menschen wieder ihre alltagstaugliche Mobilität erlangen sollen.
Mehr Menschen werden auf Geriatrie angewiesen sein
Das Problem ist also bekannt, der Bedarf ist da, sagt der Bundesverband Geriatrie: Gut die Hälfte aller geriatrischen Reha-Einrichtungen in Bayern arbeitet mit einer 95-prozentigen Auslastung an der Kapazitätsgrenze – der Bundesverband rechnet mit nochmal zehn Prozent mehr Menschen bis 2030, die auf eine geriatrische Reha angewiesen sein werden.
Doch geriatrische Rehas sind Mangelware: In ganz Bayern gibt es laut dem Landesverband Geriatrie nur 273 Plätze in ambulanten geriatrischen Reha-Einrichtungen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass diese Spezial-Rehas für die Betreiber ein Verlustgeschäft sind. Gleichzeitig stieg die Zahl in den Akutgeriatrien in Bayern auf zuletzt 6.286 Betten.
Ohne Angehörige kaum zu bewältigen
Brigitte Mark ist mittlerweile aus ihrem Rollstuhl aufgestanden und steht am Fuß der zehn Treppenstufen im Flur. Sie strengt das Treppensteigen sichtlich an. Doch Stufe für Stufe kämpft sie sich mit einem Gehstock nach oben. "Ich hätte mir das schlimmer vorgestellt, aber es funktioniert – muss!"
Jetzt ist ihr Mann Burkhard an der Reihe – schließlich muss er seiner Frau in wenigen Tagen zuhause alleine assistieren. Der ist dankbar für die engmaschige Behandlung: "Direkt drei Tage nach der OP nach Hause, das wäre schwierig geworden. Bis man da einen Physiotherapeuten hat – der kann ja dann auch nicht jeden Tag. Da wieder auf die Beine zu kommen, ist ein Ding der Unmöglichkeit."
Ärztin: Akutgeriatrie der Uniklinik sei letztlich ein Gewinn
Diese engmaschige Behandlung nennt sich auch "Frühreha". Die Patientinnen und Patienten bleiben dann zwei bis drei Wochen direkt nach der OP im Rahmen der Krankenhausbehandlung auf der akutgeriatrischen Station.
Diese intensive Behandlung wäre bis vor einem Jahr nicht möglich gewesen, sagt Oberärztin Dr. Kathrin Tatschner: "Insofern ist es für die Patientinnen und Patienten der Uniklinik ein Zugewinn. Auch für die Klinik an sich: Die geriatrischen Patienten werden nach der OP hierher verlegt und dann können dort wieder andere Patienten versorgt werden, weil Betten frei sind."
Brigitte Marks Reha beginnt erst in drei Wochen. Vorher war kein Platz frei. Solange muss sie jetzt – unterstützt von ihrem Mann – zuhause klarkommen.
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