Es ist kurz vor zehn Uhr morgens. Im Gemeinschaftsraum trudeln die Langschläfer ein. Am großen Esstisch steht der Kaffee schon bereit. Auf der Küchenzeile mitten im Raum steht Obst, im Hintergrund läuft das Radio: Slow Morning in der Senioren-WG in Randersacker im unterfränkischen Landkreis Würzburg. Die Mitbewohnerinnen und Mitbewohner hier sind alle pflegebedürftig. Manche dement, andere noch ziemlich mobil, so wie Margot Rückert.
Eine kleine Gemeinschaft, ein neues Zuhause
Die 85-Jährige wohnt seit vergangenem Sommer in der Wohngemeinschaft. Davor hat sie noch alleine gelebt, hat selbst eingekauft, gekocht, war in ihrer Kirchengemeinde aktiv. Doch dann stürzte sie immer wieder. Im Krankenhaus hieß es also: Alleine leben, das geht nicht mehr. "Ich war 85 Jahre in Rodgau. Ich bin da geboren. Ich hab mein Haus und Hof, alles verlassen. Bin mit dem Koffer raus und nicht mehr heim. Das ist schon manchmal ein bisschen schwierig. Aber hinsetzen und heulen bringt auch nix." Sie macht das Beste draus, geht spazieren, ins Café, trifft sich mit neuen Bekanntschaften. Zuhause war sie nach dem Tod ihres Mannes allein. "Ich sag mir halt: Das ist jetzt mein Zuhause."
Bayernweit gibt es nur knapp 500 Senioren-WGs
Zehn Seniorinnen und Senioren leben in der Senioren-WG in Randersacker. Jeder hat sein eigenes Zimmer inklusive Bad. Man duzt sich, auch die Pflegekräfte – die sind rund um die Uhr da. Von diesen ambulant betreuten Wohngruppen gibt es bayernweit noch nicht so viele: Laut Bayerischem Gesundheitsministerium leben 3.500 Menschen in solchen Senioren-WGs [externer Link]. Zum Vergleich: In Pflegeheimen mehr als 100.000. Die Kosten sind dieselben.
Hier ist das Zusammenleben familiär. Das weiß Margot sehr zu schätzen: "Wenn ich Gesellschaft haben will, gehe ich raus aus meinem Zimmer." Im Haus findet alle zwei Wochen ein Spieleabend statt. "Ich gehe natürlich überall hin", sagt die 85-Jährige und lacht herzlich.
Angehörige treffen alle Entscheidungen
Solche Freizeitangebote hat das sogenannte "Gremium der Selbstbestimmung" beschlossen. Mitglieder sind die Angehörigen der Bewohnerinnen und Bewohner. Sie treffen alle Entscheidungen selbst: Kommt der Hausarzt in die WG und wenn ja, wie häufig? Braucht es einen zweiten Kühlschrank und Fliegengitter? Selbst kochen oder von der Großküche liefern lassen? Einen Träger gibt es in dieser WG nicht. Das Kommunalunternehmen des Landkreises Würzburg hat das Projekt lediglich mit der Gemeinde angeschoben.
Staat bezuschusst eine WG-Gründung
Gründen kann eine solche Wohnform im Prinzip jeder. Die AOK Bayern schreibt dazu: "Pflegebedürftige Menschen können dafür einen monatlichen Zuschuss sowie einmalig eine Anschubfinanzierung zur Gründung einer ambulant betreuten Wohngruppe erhalten." Und laut Bundesregierung können Pflegebedürftige bzw. die Angehörigen einen Gründungszuschuss beantragen. Es gibt bis zu 2.613 Euro pro Person vom Staat.
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