In Steinbach in den Haßbergen wohnen fast alle Kinder in einer Straße. Wenn eine Mutter noch beim Einkaufen ist, ruft sie kurz in der Kita an: Die andere Mama holt mein Kind mit ab. Dann geht es zu Fuß, mit dem Fahrrad oder Roller nach Hause. "Das gibt es ja woanders fast gar nicht mehr", sagt Einrichtungsleiterin Corinna Schorr. Für das Dörfchen mit gerade einmal 360 Einwohnern ist die Kita sozialer Mittelpunkt – und für Neuankömmlinge die Eintrittskarte in die Dorfgemeinschaft. "Ich war hier komplett neu. Durch die Kita habe ich Anschluss bekommen", erzählt Emilia Fenn.
Ein Dorf, eine Kita – und immer weniger Kinder
Doch ausgerechnet dieser Mittelpunkt ist bedroht. Der Caritas Diözesanverband im Bistum Würzburg, Träger dieser und 500 weiterer Kitas, weiß von rund ein Dutzend Einrichtungen, in denen die Plätze nicht mehr voll werden. Bei zu wenigen Kindern rechnet Schorr mit betriebsbedingten Kündigungen. "Wir müssen gucken, ob wir zu viel Personal ab September haben für nur noch zehn Kinder."
Für die Eltern bedeutet die Kita kurze Wege, flexible Absprachen untereinander und Betreuung, die sich in das Dorfleben einfügt. Für das Dorf ist sie ein Treffpunkt, an dem sich Eltern, Großeltern und Kinder begegnen – und eine Infrastruktur, die den Ort für junge Familien überhaupt attraktiv macht.
Kein klares Stadt-Land-Muster
Kitas in ländlichen Regionen sind nicht pauschal stärker von Kindermangel betroffen, zeigen Daten des Bayerischen Landesamts für Statistik. Bayernweit ergibt sich ein sehr unterschiedliches Bild: Im Landkreis Neustadt an der Waldnaab etwa war die Zahl der Kinder im Krippenalter im Jahr 2024 deutlich höher als noch zehn Jahre zuvor. Gleichzeitig gehen dort sogar etwas weniger Kinder in eine Betreuung als im bayernweiten Durchschnitt. Ob mehr Familien gern einen Platz hätten, lässt sich aus den Zahlen auf Landkreisebene nicht ablesen.
Im Schnitt wollen die Eltern von 44 Prozent der Kinder in Bayern einen Krippenplatz für ihr Kind. Nur 31,8 Prozent der Kinder haben tatsächlich einen.
Wunsch und Verfügbarkeit liegen auseinander
Fest steht aber: Zwischen Kinderzahlen und verfügbaren Betreuungsplätzen können mancherorts deutliche Unterschiede bestehen – ein einheitliches Stadt-Land-Muster gibt es nicht. Die Entwicklung ist stark vom einzelnen Ort abhängig: Während manche Städte und ihr Umland wachsen und neue Einrichtungen planen, stagniert die Kinderzahl in anderen Gemeinden eher. Entsprechend müssen mancherorts dringend neue Gruppen eröffnet werden, andernorts ringen Träger um bestehende Einrichtungen.
Gewerkschaft sieht Politik in der Verantwortung
Der Bayerische Landesverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) beobachtet die Entwicklung mit Sorge. Eigentlich sei es politisches Ziel, "die frühkindliche Betreuung zu steigern", teilt der Verband auf BR-Anfrage mit. "Dies geschieht allerdings leider häufig nicht."
Wie das Familienministerium Land-Kitas stützen will
Vom bayerischen Familienministerium heißt es auf BR-Anfrage, eine feste Untergrenze von zehn Kindern für den Betrieb einer Kita gebe es nicht. Man wisse aber, dass in ländlichen Regionen die geringe Kinderzahl den Betrieb einer eigenen Einrichtung oft nicht rentabel mache – eine Folge der demografischen Entwicklung, vor der besonders Flächenländer stünden.
Um kleine Kitas auf dem Land zu stützen, gebe es die sogenannte Landkindergarten-Regelung: Für die Förderung werde so gerechnet, als wären mehr Kinder angemeldet, als tatsächlich da sind. So bekämen Land-Kitas mehr Geld, als ihre reale Kinderzahl hergeben würde. Mit der geplanten Reform des BayKiBiG solle diese Regelung gestärkt und Mini-Kitas dauerhaft gefördert werden, damit auch sehr kleine Einrichtungen im ländlichen Raum überleben können. Vom Träger heißt es: Kündigungen seien der letzte Schritt, vorher würden alternative Lösungen gesucht – denn gerade die Land-Kitas "leisten einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt."
Im Audio: Kitas auf dem Land gegen Schließungen
In manchen bayerischen Kitas bleiben Plätze leer, anderswo wachsen die Gruppen.
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