Am Anfang steht "Facemash": Mark Zuckerberg, 2003 Student in Harvard, verschafft sich Zugriff zu einer Uni‑Datenbank, stellt ohne Erlaubnis Fotos von Mitstudierenden online und lässt bewerten, wer attraktiver ist. Das sorgt für Interesse, aber auch Protest. Die Universität belässt es bei einer Mahnung. Der junge Zuckerberg erlebt: Das, was er programmiert, kommt gut an – ohne harte Konsequenzen bei Regelbrüchen.
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Freundschaftsanfragen über Freundschaftsanfragen
Am 4. Februar 2004 geht "The Facebook" online, erst nur für Harvard. Die Plattform wächst und erobert andere Universitäten, die USA und schließlich die Welt. In Deutschland ist Facebook ab 2008 verfügbar und wird zu dem Ort, an dem viele Menschen Bekannte wiederfinden oder Urlaubs- und Partyfotos teilen.
Like-Button, Algorithmus und "Debattenschlacht"
Das Unternehmen ermöglicht es Organisationen und Medienhäusern, Seiten zu erstellen, und setzt ab 2009 auf einen Algorithmus, der den Newsfeed danach sortiert, was Menschen möglichst lange auf der Plattform hält. Der Würzburger IT‑Jurist Chan‑jo Jun beschreibt: "In den Kommentarspalten treffen Menschen aufeinander, die keine persönliche Beziehung haben – der Beginn einer "Debattenschlacht." Was starke Emotionen wie Freude, aber auch Wut oder Angst auslöst, wandert nach oben.
Hass und Falschinformationen
Im Podcast "Die Entscheidung" erzählt Jun, wie er als Erster hierzulande Facebook vor Gericht bringt. Er stößt auf den Fall des syrischen Geflüchteten Anas Modamani, der 2015 ein Selfie mit Angela Merkel machte. Später wird Modamanis Gesicht immer wieder in Collagen montiert – er wird fälschlich als Terrorist dargestellt. Jun reicht 2017 in diesem Fall einen Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung ein. Seine Forderung: Facebook soll Falschbehauptungen nicht nur auf Meldung hin, sondern proaktiv löschen.
Versuche der Regulierung
Das Landgericht Würzburg weist den Antrag 2017 ab: Was gepostet wird, sei vor allem der Inhalt der Nutzerinnen und Nutzer, nicht des Konzerns. Trotzdem sieht Jun das Verfahren damals als Erfolg, weil es "das Problem sichtbar gemacht hat". Danach entstehen das Netzwerkdurchsetzungsgesetz in Deutschland und der Digital Services Act auf EU‑Ebene. Meta, der Mutterkonzern von Facebook, schreibt auf BR‑Anfrage, man entferne "Fehlinformationen, wenn diese unmittelbar zu einer Gefahr für Leib und Leben beitragen können".
Die politische Macht der Daten
Wie sich Facebook‑Daten politisch nutzen lassen, zeigt die Geschichte von Michal Kosinski. In Cambridge forscht er ab 2009 daran, was sich aus unseren Likes herauslesen lässt – etwa Charaktereigenschaften oder Werte. Im Skandal um die Firma Cambridge Analytica 2018 wird bekannt: Kosinskis Grundlagenforschung wurde, ohne seine Beteiligung, von dieser Firma genutzt, um Wählerinnen und Wähler in den USA gezielt mit Botschaften zu bespielen, ohne dass sie davon wussten.
Kosinski sagt in "Die Entscheidung" dazu: Es sei leicht vorstellbar, "dass es geopolitische Folgen haben kann, wenn man die Meinung von nur einem Prozent der Wähler und Wählerinnen ändert – oder ein Prozent davon abhält, wählen zu gehen".
Strafen und interne Kritik
Facebook muss nach Cambridge Analytica hohe Strafen zahlen. Mark Zuckerberg kündigt Reformen an. Gleichzeitig kommt auch Kritik aus dem Inneren des Konzerns [externer Link]: Yaël Eisenstat, frühere CIA‑Mitarbeiterin, wird in diesem Zuge 2018 zu Facebook geholt. Sie soll Desinformation in Wahlwerbung verhindern – und beschreibt später, wie ihre Rolle beschnitten wird. Meta kommentiert das auf Anfrage gegenüber dem BR nicht.
Eisenstat sagt: Die Entscheidungen von Zuckerberg zielten auch darauf, dass sein Unternehmen auf der "richtigen Seite" derjenigen steht, die es regulieren könnten. Wenige Tage, bevor Donald Trump zum zweiten Mal US‑Präsident wird, kündigt Zuckerberg Anfang 2025 an, Moderationsregeln zu lockern und Faktenchecker in den USA abzuschaffen.
Bilanz nach über zwei Jahrzehnten Facebook
Psychologe Michal Kosinski ist trotzdem positiv: Für viele bedeute Vernetzung Zugang zu Gemeinschaft und Information. Dem IT-Juristen Chan‑jo Jun geht es nicht darum, soziale Medien abzuschaffen, aber er sagt abschließend: "Wir können die Spielregeln vorgeben, mit denen Plattformen wie Meta unseren Diskurs bestimmen." Zu Meta gehören heute neben Facebook auch Instagram, WhatsApp oder die eigene KI-App "Meta AI".
Die ausführliche Geschichte rund um den Aufstieg von Facebook hören Sie in der aktuellen Staffel von "Die Entscheidung". Alle drei Folgen finden Sie hier.
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