Ein Wolfsrüde aus dem Nationalpark Bayerischer Wald im Tierfreigelände des Hauses zur Wildnis in Ludwigsthal.
Ein Wolfsrüde aus dem Nationalpark Bayerischer Wald im Tierfreigelände des Hauses zur Wildnis in Ludwigsthal.
Bild
Ein Wolfsrüde aus dem Nationalpark Bayerischer Wald im Tierfreigelände des Hauses zur Wildnis in Ludwigsthal.
Bildrechte: BR/Doris Fenske
Schlagwörter
Bildrechte: BR/Doris Fenske
Audiobeitrag

Ein Wolfsrüde aus dem Nationalpark Bayerischer Wald im Tierfreigelände des Hauses zur Wildnis in Ludwigsthal.

Audiobeitrag
>

Änderung des Jagdgesetzes: Werden bald mehr Wölfe geschossen?

Änderung des Jagdgesetzes: Werden bald mehr Wölfe geschossen?

Die Bundesregierung bereitet offenbar eine Gesetzesänderung vor, um den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen. Der Erhaltungszustand für Wölfe ist in weiten Teilen Deutschlands als günstig eingestuft worden. Umweltverbände warnen vor neuer "Ausrottung".

Über dieses Thema berichtet: BR24 Radio am .

Den Wolf in das Jagdrecht aufzunehmen, das hat sich die schwarz-rote Koalition bereits im Koalitionsvertrag zum Ziel gesetzt. An diesem Mittwoch will das Kabinett von Kanzler Merz über einen Entwurf zur Änderung des Jagdgesetzes abstimmen. Zentraler Punkt: Wölfe sollen in Deutschland wieder eine jagdbare Art werden. Im Frühjahr 2026 könnte die geplante Novellierung im Bundestag verabschiedet werden. Laut Landwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) soll das "den Schutz von Weidetieren verbessern".

Kritik: Pläne könnten für mehr Risse sorgen

Kritik an dem Gesetzesentwurf kommt vom Deutschen Jagdverband (DJV). Die darin vorgesehene Jagdzeit von Anfang September bis Ende Februar sei ein elementarer Fehler, so der Verband. "Das begünstigt Fehlabschüsse und gefährdet so die Sozialstruktur im Rudel. Das kann in der Konsequenz mehr Weidetierrisse zur Folge haben" – durch versehentlich geschossene Elterntiere. Die Nachkommen könnten dann nämlich von ihren Eltern nicht mehr lernen, dass Weidetiere tabu seien. "Gerade aber marodierende Halbstarke vergreifen sich an Weidetieren", so Stephan Wunderlich vom DJV.

Auch die Wolfsexpertin Gesa Kluth vom Lupus-Institut für Wolfsmonitoring und -forschung warnt: Abschüsse könnten bestehende Rudel destabilisieren und die Probleme für die Weidetierhaltung sogar verschärfen.

Genug Wölfe vorhanden? – Keine Einigkeit

Außerdem sei der Wolf nach wie vor eine geschützte Tierart. "Seit zwei Jahren stagniert die Ausbreitung in Deutschland", sagt Gesa Kluth. "Wenn, wie im Entwurf geplant, bis zu 300 Exemplare pro Jahr zusätzlich geschossen werden dürfen", so Kluth, "kann es durchaus sein, dass die Population in Bedrängnis gerät".

Die Voraussetzung, um Wölfe ins Jagdrecht aufzunehmen, wurde erst Mitte Oktober geschaffen. Da meldete Deutschland an die EU-Kommission: Auch für die kontinentale Population, also weite Teile Mittel- und Süddeutschlands, sei der günstige Erhaltungszustand beim Wolf erreicht. Verschiedene Umweltverbände kritisieren, dass diese Beurteilung nicht auf wissenschaftlichen Kriterien erfolgt ist.

Erhaltungszustand als "günstig" eingestuft: Verstoß gegen EU-Vorgaben?

Das Bundesumweltministerium bestätigt auf BR24-Anfrage, dass sich eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe zum Wolf mehrheitlich verständigt hat, den günstigen Erhaltungszustand für die kontinentale Population zu melden. Die Bewertung erfolgte also auf politischer Ebene.

Der Europäische Gerichtshof hat in mehreren Urteilen entschieden, dass bei der Bestimmung des Erhaltungszustands die aktuellen wissenschaftlichen Daten berücksichtigt werden müssen, entgegnet Thomas Norgall, Sprecher der AG Wolf und Weidetiere im BUND. "Eine politische Bestimmung des Erhaltungszustandes verstößt deshalb gegen EU-Naturschutzrecht".

Wolfsexperten: "Zustand ungünstig-schlecht"

Erst vor einigen Wochen hat Wolfsexperte Norgall von einem Bericht erfahren, den die zuständige Fachbehörde zu dieser Frage bereits 2023 erarbeitet hat. Unter Einbeziehung aller Bundes- und Landesbehörden sowie wissenschaftlicher Institute. Wie auch für andere geschützte Arten lag die Federführung darin beim Bundesamt für Naturschutz (BfN). Das Ergebnis des erst vor kurzem öffentlich gewordenen Berichts: In der kontinentalen Region wird der Erhaltungszustand des Wolfs als "ungünstig-schlecht" eingestuft.

Umweltorganisation veröffentlicht interne Dokumente

Die österreichische Organisation Austrian Nature Conservation Alliance (ANCA) hat diesen Bericht und weitere interne Dokumente veröffentlicht, die Einblicke geben, wie es dennoch zur Einstufung "günstig" kommen konnte. Umweltbiologin Andrea Hagn beruft sich auf ein Papier, das zeigt, wie "im August 2025 große Regionen im Süden und Südwesten Deutschlands als ungeeignetes Habitat deklariert und damit das Verbreitungsgebiet künstlich verkleinert wurden".

Wölfe in Deutschland: Umfangreiche Daten vorhanden

Auf BR24-Anfrage verweist eine Sprecherin des Bundesumweltministeriums auf die Empfehlung der Mehrheit der Länder. Für die kontinentale Region ist der Parameter "Verbreitungsgebiet" mit "unbekannt" bewertet worden.

"Das Verbreitungsgebiet mit 'unbekannt' zu melden, ist fachlich unhaltbar", findet Andrea Hagn. "Der Wolf ist eine der am besten untersuchten Arten in Deutschland. Wer das Verbreitungsgebiet als 'unbekannt' ausweist, degradiert die wissenschaftliche Arbeit und die umfangreichen Monitoringdaten."

Trotz Jagd müssen gute Wolfs-Bedingungen gewährleistet sein

Thomas Norgall geht davon aus, dass die geplante Novellierung des Bundesjagdgesetzes im kommenden Jahr verabschiedet wird. Deutschland sei aber weiterhin gesetzlich verpflichtet, dafür zu sorgen, dass sich die Lebensbedingungen für Wölfe nicht verschlechtern, also der günstige Erhaltungszustand gewahrt bleibt. Vor dem Hintergrund, dass "anerkannte wissenschaftliche Modelle den Zustand der Wölfe als schlecht einstufen", warnt er, eine neue Ära der Ausrottung könne bevorstehen.

Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!