Rauchsäulen gehören an vielen Orten Russlands jetzt zum Alltag. Seit Mitte Juli hat die Ukraine mehr als ein Dutzend Anlagen des Online-Händlers Wildberries mit Drohnen angegriffen, darunter Lagerhallen unweit von Metropolen wie St. Petersburg. Ukrainische Treffer auf Ölanlagen und -Depots haben schon in den Wochen davor in Russland zu Treibstoff-Engpässen und hohen Spritpreisen geführt. Außerdem fährt die Ukraine gezielte Luftangriffe auf russisch kontrollierte Häfen im Schwarzen und Asowschen Meer. Dabei sterben immer wieder Zivilisten, zuletzt nach russischen Angaben fünf Menschen in der Region Moskau.
Putin unter Druck – aber verhandlungsunwillig
Laut dem Politik- und Russlandexperten Gerhard Mangott (Universität Innsbruck) zeigen die ukrainischen Angriffe die Verwundbarkeit Russlands und verschaffen dem Kreml ein Glaubwürdigkeitsproblem: "Putin und seine Riege sind nicht in der Lage, Russland wirklich gegen solche Angriffe zu verteidigen", sagt Mangott im Gespräch mit BR24.
Dies schlage sich in sinkenden Umfragewerten Putins nieder. Das heiße allerdings nicht, dass die russische Bevölkerung nun mehrheitlich ein Ende des Krieges fordere. Im Gegenteil: "Es gibt in Russland eine wachsende Zahl derer, die eine Fortsetzung des Krieges befürworten, weil sie gewissermaßen Vergeltung haben wollen", sagt Mangott. Die Strategie, Russland durch Treffer hinter der Front an den Verhandlungstisch zu zwingen, bezeichnet der Russlandexperte als "illusorisch".
Eskalation statt Kriegende
Auch Thomas Jäger, Professor für Internationale Politik an der Universität Köln, sieht keinerlei Anzeichen, dass Russland den Krieg beenden wolle. Es sei nicht erkennbar, dass die russischen Kalkulationen durch die Treffer im eigenen Land überhaupt beeinflusst werden. Putin halte nach wie vor an seinen Kriegszielen fest: die Annexion der bislang nur zu Teilen eroberten Gebiete in der Ostukraine und eine Entmilitarisierung der gesamten Ukraine – für das angegriffene Land inakzeptable Forderungen.
Auch wenn die ukrainischen Angriffe Russland empfindlich treffen – laut Experten sind bis zu 30 Prozent der russischen Treibstoffkapazität zerstört – und auch wenn Russland offenkundig große Probleme hat, neue Soldaten zu rekrutieren: Mangott und Jäger sehen derzeit weder ein Ende noch eine Wende des Krieges. "Was wir haben, ist eine neue Phase", sagt Gerhard Mangott. Diese sei einerseits von gegenseitigen Luftangriffen auf Hafenanlagen und Frachtschiffe geprägt, und andererseits von "eskalativen Strategien" Russlands. Putin stehe innenpolitisch unter Druck, etwas zu tun, und reagiere daher mit einer Ausweitung des Seekriegs, Angriffen auf Hafenanlagen rund um Odessa und noch mehr ballistischen Raketen auf Kiew.
Rauch nach einer Explosion in der russischen Metropole St. Petersburg.
Ukraine kann Russlands Attacken kaum abwehren
Das große Problem der Ukraine: Mangels Abfangraketen kann die Ukraine die russischen Raketen kaum mehr abwehren. Bei dem russischen Angriff auf die Region Kiew Anfang August mit mindestens 15 Toten hat die ukrainische Armee nach eigenen Angaben keine einzige Rakete abschießen können. Den vergangenen Juni bezeichnete die UN-Behörde HRMMU mit 293 getöteten Zivilisten (und 1.990 Verletzten) als tödlichsten Monat für die ukrainische Bevölkerung seit April 2022.
Zwei Hauptgründe für den Mangel an Abfangraketen laut Mangott und Jäger: Europa halte an den eigenen Beständen fest, um im Falle eines russischen Angriffs gewappnet zu sein. Und die USA reservierten ihre Patriot-Raketen für den Krieg gegen den Iran und ihre Verbündeten am Persischen Golf.
Mangott sieht eine "Eskalationsdynamik" im Gange – dies sei die Kehrseite der militärisch durchaus erfolgreichen ukrainischen Angriffe auf Russland. Zwar würde Russland auch ohne sie einen Grund finden, die Ukraine weiter anzugreifen. "Aber man muss auch dazu sagen: Diese Angriffe auf russische Ziele haben ihren Preis."
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