Ein russischer Soldat überlebt bei einem Sturmangriff an der Front 20 bis 30 Minuten, denn die ukrainischen Drohnen haben die Taktik des Krieges fundamental verändert: Für jeden russischen Rekruten stehen laut Nico Lange 20 bis 30 Kamikaze-Drohnen bereit: "Eine davon wird schon treffen", so der Sicherheitsexperte im BR24-Interview für "Possoch klärt".
Gleichzeitig schrumpfen Putins Reserven: 90 Gefängnisse wurden bereits geschlossen, weil alle Insassen an die Front geschickt wurden [externer Link]. Und dennoch reichen die 25.000 bis 30.000 neuen Soldaten pro Monat nicht aus: Jeden Monat fallen 3.000 bis 7.000 mehr aus, als ersetzt werden können.
"Deathonomics": Putins Todesökonomie
Wie hat Putin diesen Krieg bisher personell am Laufen gehalten? Mit einem System, das Militärexperte Gustav Gressel von der Landesverteidigungsakademie Wien im BR24-Interview für "Possoch klärt" nüchtern beschreibt: Der russische Staat nutzt prekäre Lebensverhältnisse aus, um Menschen in den Militärdienst zu pressen. Er lockt mit Schuldenerlassen, übt bei Behördenkontakten impliziten Zwang aus und schikaniert Wehrpflichtige in den Einheiten so lange, bis sie einen Vertrag für den Fronteinsatz unterschreiben. Der russische Soziologe und Ökonom Wladislaw Inosemzew nennt es "Deathonomics" [externer Link]: Ein toter Soldat bringt seiner Familie mehr Geld als ein lebendiger, der jahrzehntelang arbeitet.
Mehr als 50.000 Euro Einmalzahlung in einem Land, in dem knapp 19 Millionen Menschen von weniger als 150 Euro im Monat leben. Dieses Modell stößt jetzt an seine Grenzen. "Die Leute, die in prekären Lebensverhältnissen waren und aus finanziellen Gründen in den Krieg mussten, die sind jetzt schon im Krieg", sagt Gressel. Der Handlungsspielraum für hohe Prämien schrumpfe mit der wachsenden Staatsverschuldung. Eine Mobilmachung wäre finanziell das billigere Mittel, aber innenpolitisch das deutlich riskantere.
Mobilmachung: billiger, aber gefährlich
Die Vorbereitungen sind konkret. Gressel berichtet von Grenzabsprachen mit Nachbarländern wie Armenien und Georgien, um bei einer erneuten Mobilmachungswelle Flucht zu verhindern, und von Vorbereitungen für eben diese Welle. Lange ergänzt: Nordkorea soll erneut als Personalquelle dienen, 30.000 weitere Soldaten.
Das Dilemma: Eine Mobilmachung würde den unausgesprochenen Gesellschaftsvertrag aufkündigen, der Putins System trägt. Bisher blieb die russische Bevölkerung passiv, weil sie sich heraushalten konnte. Wenn die Mobilmachung kommt, ist diese Illusion vorbei und dann flüchten nicht die Armen, sondern die gut Ausgebildeten, die es sich leisten können. Ein Braindrain, der Russland langfristig trifft.
Im Video: Putin unter Druck – Muss er jetzt alles riskieren? Possoch klärt!
Zwei Systeme, zwei Kriegslogiken
Während Russland seine personellen Reserven mit Geld, Druck und Zwang mobilisiert, reagiert die Ukraine auf öffentliche Kritik mit Veränderungen an der Armeespitze. Nach landesweiten Protesten hat Selenskyj Armeechef Syrskyj ausgetauscht und Generalmajor Mychajlo Drapatyj eingesetzt: Einen 43-jährigen General, der seit 2014 vom Bataillonskommandeur aufgestiegen ist und seine gesamte Laufbahn im Krieg gegen Russland verbracht hat. Lange sieht darin eine entscheidende Verschiebung: "Das gibt der Ukraine noch mal eine Perspektive und eine Durchsetzungskraft, die die Kultur der Streitkräfte verändern könnte."
Gressel benennt den strukturellen Unterschied: "Die Ukraine hat eine lebhafte Zivilgesellschaft, weil die Ukrainer wissen, dass Veränderungen immer erzwingbar sind. Das ist ein wesentlicher Faktor auch in der Motivation, die Leiden des Krieges durchzuhalten." In Russland führt Protest ins Gefängnis und von dort direkt an die Front.
Putin hat noch Karten, aber alle sind teuer
Putins Plan, so Lange, lautet schlicht: weitermachen und darauf hoffen, dass sich Möglichkeiten ergeben – Streit zwischen Europäern, innenpolitische Krisen in der Ukraine, Wahlergebnisse, die kremltreue Parteien an die Macht bringen. "Er kann eigentlich nur noch daraufsetzen, dass die anderen Fehler machen. Er selbst wird sich nicht mehr durchsetzen können."
Durch Deep Strikes, Sanktionen und ukrainische Angriffe auf Ölinfrastruktur stecke Putin in einer Bredouille: einer Situation, in der es nur noch schlechte Optionen gibt. Er kann tiefer in eine schrumpfende Wirtschaft greifen. Oder er riskiert eine Mobilmachung, die genau die gesellschaftliche Stille zerstört, auf der sein System beruht. "Vielleicht war die Prigoschin-Affäre nicht das letzte unerwartete Ereignis in diesem Krieg", sagt Gressel.
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