Seit August ist Boris Ruge neuer Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Kiew. Im Interview mit BR24 für "Possoch klärt" spricht Ruge über die Stimmung unter den Menschen, die zunehmenden russischen Angriffe und die Frage, ob die Ukraine durchhält.
BR24: Herr Botschafter, die Hauptstadt Kiew ist fast ununterbrochen unter russischem Beschuss. Wie ist die Stimmung bei den Menschen?
Boris Ruge: Die Stimmung in Kiew ist natürlich angespannt, weil Russland in den letzten zwei Monaten seine Angriffe auf die Hauptstadt der Ukraine intensiviert hat. Da geht es um ballistische Raketen, da geht es um die Jet-Drohnen und dadurch gibt es kurze Vorwarnzeiten. Das öffentliche Leben wird dadurch beeinträchtigt, Brücken werden gesperrt, der Nahverkehr wird gestoppt, der Schulgang der Kinder wird erschwert – das summiert sich zu einer schwierigen Situation. Und gleichzeitig ist es so, dass die Menschen hier im Jahr fünf dieses vollumfänglichen Krieges resilient sind. Sie sind darauf gepolt, weiterhin Widerstand zu leisten und ihre Unabhängigkeit und ihre Demokratie zu erhalten.
"Nachlassende Ukraine-Unterstützung treibt Putin weiter an"
BR24: Was muss jetzt unmittelbar passieren?
Ruge: Die militärische Unterstützung muss fortgesetzt werden. Wenn der Eindruck entstünde, dass diese Unterstützung unsicher sei, dann würde das Putin animieren, noch weiterzumachen. Die Sanktionen müssen aufrechterhalten und weiter verschärft werden. Und dann eine ganz klare Kommunikation, die immer wieder deutlich macht: Wir wollen eine politische Lösung, wir wollen eine möglichst rasche Beendigung des Krieges, aber nicht im Sinne einer Kapitulation der Ukraine. Hinter der steht ja der Traum der Wiederherstellung eines russischen Reiches und die Vorstellung, dass man damit in die Geschichtsbücher eingehen kann. Aber das wird scheitern und der Schaden, den Herr Putin Russland zugefügt hat, ist jetzt schon unglaublich.
BR24: Was wird diesen Krieg denn beenden?
Ruge: Ich glaube nicht, dass dieser Krieg durch die Drohnen und Raketenangriffe der russischen Seite entschieden werden wird. Was aber passieren kann, ist, dass diese russischen Angriffe über einen Zeitraum von drei, sechs oder zwölf Monaten die ukrainische Wirtschaft schwer treffen und dass es dadurch auf der ukrainischen Seite schwieriger wird, die Ressourcen bereitzustellen, um den Kampf fortzuführen.
Letztlich ist entscheidend: die Kombination aus dem Widerstandswillen der Ukrainer und der Unterstützung wichtiger Partner – an erster Stelle die Bundesrepublik Deutschland. Ich glaube, das wird ausreichen, um den Widerstand gegen Russland aufrechtzuerhalten. Das ist aber nicht das Ziel dessen, was wir tun. Unser Ziel ist es, einen Zustand herzustellen, in dem Moskau einsehen muss, dass es diesen Krieg militärisch nicht gewinnen kann und dass es eine Verhandlung geben muss, die nicht zum Inhalt hat: die Kapitulation der Ukraine.
Im Video: Zermürbt Putin die Ukraine jetzt endgültig und gewinnt den Krieg? Possoch klärt!
"Wir unterstützen ein Volk, das sich gegen Unterdrückung wehrt"
BR24: Sie haben die Unterstützung aus Deutschland angesprochen. Jenseits des Materiellen: Von welchen Werten lässt sich die Bundesrepublik leiten?
Ruge: Ich bin 1989 in das Auswärtige Amt eingetreten und ich finde, die Ukraine ist ein sehr seltener Fall, wo unsere Werte und unsere Interessen wirklich nahtlos ineinandergreifen: Wir unterstützen ein Volk, das sich wehrt gegen einen Angriffskrieg, das sich wehrt gegen Unterdrückung. Das, was Russland anrichtet in den ukrainischen besetzten Gebieten, ist ja ein absoluter Albtraum: Folter, Vergewaltigung, Mord. Aber gleichzeitig liegt die Erhaltung der Ukraine als unabhängiger demokratischer Staat auch in unserem fundamentalen strategischen Interesse.
BR24: Sehr viele Menschen wünschen sich eine diplomatische Lösung. Sie sind selbst Diplomat – wird der Krieg durch Verhandlungen beendet?
Ruge: Das ist eine sehr legitime und berechtigte Frage. Aber Tatsache ist: Die Ukraine ist seit Anfang 2025 bereit, einen umfassenden Waffenstillstand zu akzeptieren. Und Russland hat das immer wieder abgelehnt. In Wirklichkeit gibt es keinen russischen Verhandlungswillen. Der wird sich erst dann einstellen, wenn endgültig klar ist, auch Herrn Putin selbst, dass Russland diesen Krieg militärisch nicht gewinnen kann.
Aber wir müssen auch für die Skeptiker in der deutschen Bevölkerung immer wieder zeigen: Wir sind gesprächsbereit, wir wollen die Möglichkeiten ausloten. Unsere Politik ist nicht darauf orientiert, den Krieg zu verlängern, sondern im Gegenteil darauf orientiert, ihn zu beenden. Aber zu Bedingungen, die nicht ein katastrophales Szenario herstellen, das darin besteht, dass die Ukraine kollabiert, dass Millionen von Menschen nach Westen gehen, dass Russland sich die Ukraine einverleibt und dann die Ressourcen dieses Landes gegen uns wendet.
BR24: Danke für das Gespräch.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!
