"Da, siehst du die Löcher?", fragt Elan. Er zeigt auf ein Bild an der Wand. Es hängt über dem Tresen in einem Café in Tel Aviv. Die Löcher, sagt er, seien die letzten Spuren des Einschlags einer iranischen Rakete vor fast einem Jahr. Seit dem Einschlag hätten sie Glück gehabt. Elan ist der Manager hier. Der Laden laufe jetzt, schildert er. Leute kämen auf einen Kaffee vorbei und sagten, "schau, da kam die Rakete runter".
Das Café ist komplett renoviert. In den umliegenden Häusern aber fehlen noch immer Fenster oder gar ganze Teile der Fassade. Hier, mitten in Tel Aviv, erzielte der Iran einen seiner Treffer in Israel. Die Flugabwehr des Landes habe sich im Großen und Ganzen aber im letztjährigen wie auch im aktuellen Irankrieg bewährt, da sind sich Experten einig. Einen einhundertprozentigen Schutz aber gebe es nicht.
Israelischer Ingenieur über Raketenabwehr
Auch wenn die Bedrohungslage in Europa eine andere sei, stehe es im Vergleich mit Israel deutlich schlechter da, urteilt Uzi Rubin. Der Ingenieur ist einer der Väter des israelischen Raketenabwehrprogramms. Auch Deutschland sei der Gefahr durch russische landgestützte ballistische Raketen ausgesetzt, warnt er im BR-Interview. Treffer, wie der vor dem Café in Tel Aviv, wären nach seinen Worten hierzulande im Kriegsfall wohl keine Ausnahme.
Doch Rubin beobachtet auch, dass der Ernst der Lage erkannt worden ist: dass die Bundesrepublik nach Jahren des Abrüstens vielfache Anstrengungen unternimmt und unter anderem dabei ist, das israelisch-amerikanische Raketenabwehrsystem Arrow in die eigene Flugabwehr zu integrieren. "Wenn man sich gegen Russland verteidigen will, braucht man etwas gegen landgestützte ballistische Raketen. Und Arrow 3 ist da in meinen Augen die beste Lösung, wenn wir über die Kombination aus Fähigkeiten und Kosten sprechen", sagt der Mann, der vor rund dreißig Jahren für die ersten Entwicklungsschritte verantwortlich war. Klar ist dabei: Die Liste der konkurrenzfähigen Produkte ist kurz.
Flugabwehr in Schichten
Die Arrow-3-Abfangraketen sollen bis 2030 an drei Standorten in Deutschland einsatzbereit sein und ballistische Raketen außerhalb der Erdatmosphäre abfangen können. Erste Komponenten sind bereits in Holzdorf, Sachsen-Anhalt, eingetroffen. Die Bundeswehr hat sie Ende vergangenen Jahres in Dienst gestellt. Personal wird ausgebildet. Als weiterer Standort ist der Raum Kaufbeuren im Gespräch.
Doch Militärs denken bei der Flugabwehr in Schichten: Arrow soll einmal die oberste abdecken. Für alles, was tiefer fliegt – egal ob Flugzeuge, Flugkörper oder Drohnen – plant die deutsche Luftwaffe im Kern mit Systemen vom Typ Patriot für die mittlere Schicht und solchen vom Typ Iris-T SLM für die unterste.
Die Marine soll zudem neue Fregatten mit Flugabwehrfähigkeiten bekommen, das Heer Waffensysteme, die die Einheiten begleiten und etwa Drohnen abwehren können.
Neues Material bis Jahresende
Bis 2029 will Deutschland 17 Patriot-Systeme vorhalten. Heute hat die Luftwaffe nur noch sieben. Fünf gingen seit 2022 an die Ukraine. Ein Patriot-System besteht dabei im Kern aus einem Radar, einem Feuerleitstand und bis zu acht Startgeräten für die Abfangraketen. Die ersten fünf Iris-T SLM-Systeme soll die Luftwaffe bis zum Jahresende erhalten. Damit dürfte die neue deutsche Flugabwehrarchitektur langsam mehr Form annehmen.
Zweites Flugabwehrraketengeschwader angedacht
Der Ausbildungsstand in den entsprechenden Einheiten sei schon jetzt hoch, betont Brigadegeneral Arnt Kuebart. Ihm unterstehen die bodengebundenen Flugabwehrkräfte. Während der General auf die hohe Qualität von Personal und Material verweist, sieht er bei der Quantität des Materials durchaus noch Nachholbedarf. Es dauere noch, bis all die Bestellungen da sind, sagte der gebürtige Memminger dem BR. Die richtigen Weichen aber seien gestellt.
Als große Herausforderung bezeichnet er den "personellen Aufwuchs". Schließlich brauche es Soldaten, um die neuen Systeme zu betreiben. Die sollen, wenn es nach der Luftwaffe geht, künftig von zwei Flugabwehrraketengeschwadern eingesetzt werden. Aktuell gibt es eines, das ausschließlich im Norden Deutschlands stationiert ist. Eine Stationierung des neuen, zweiten Geschwaders in Süddeutschland wäre aus der Sicht von Beobachtern eine Option, auch um hier Personal zu rekrutieren.
Gegenwärtige Lage
Soweit zur Zukunft. In der Gegenwart wäre ein Schutz des Bundesgebietes allein mit den heute hierzulande vorhandenen Flugabwehrsystemen aufgrund ihrer geringen Zahl unmöglich. Priorität hätten wohl zwangsläufig verteidigungswichtige Einrichtungen. Eine vollausgestattete Patriot-Flugabwehrraketengruppe bräuchte es allein für den Schutz eines Gebietes von der Fläche des Großraums Berlin.
Im Falle eines Angriffs auf die Nato in Europa würde Deutschland allerdings zur logistischen Drehscheibe für Truppen und damit vermutlich auch zum Ziel. Luftverteidigung ginge dann nur gemeinsam mit den Bündnispartnern, sagt General Kuebart.
Schon jetzt ist die Flugabwehr nur im Bündnis denkbar. Die USA etwa stellen mit see- und bodengestützten Abwehrsystemen wesentliche Fähigkeiten zum Schutz der europäischen Bündnispartner bereit.
Lagerhallen voll Raketen nötig
Uzi Rubin mahnt unterdessen, aus den aktuellen Kriegen in der Ukraine und im Nahen wie Mittleren Osten eine Lehre zu ziehen. Dort kommen Massen an Drohnen und Flugkörpern zum Einsatz. Nachschub wird zum relevanten Kriterium: "Es reicht nicht, ein Waffensystem zu haben und ein paar Abfangraketen dafür. Man braucht Lagerhallen voll davon", sagt Rubin. Wer das beherzige, könne einen Gegner wirklich abschrecken, anzugreifen.
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