Schmunzelnde Regierungssprecher sind in Berlin nicht die Regel, der Beruf und seine Verantwortung verlangen viel Ernsthaftigkeit. Also beantwortete Sebastian Hille, Vize-Regierungssprecher der schwarz-roten Bundesregierung, auch die x-te Nachfrage zur Feriendauer von Kanzler Friedrich Merz (CDU) seriös. "Wenn man nicht weg ist, nie wirklich weg ist sozusagen, nur weil man öffentlich nicht auftritt, kann man auch nicht wieder da sein", sagte Hille am Mittwoch in der Bundespressekonferenz.
Es folgten einige Lacher im Saal. Aber bevor Erinnerungen an legendäre Pressestatements über leere Flaschen bei Bayern München oder Fahrten mit dem Transrapid zum Flughafen hochkamen, stand schon das nächste Thema auf der Tagesordnung. Seine zentrale Botschaft hatte Hille ohnehin schon davor platziert: "Der Begriff Bundeskanzler und Urlaub, das passt nicht richtig zueinander. Weil ein Bundeskanzler ist nie im Urlaub."
Letzter öffentlicher Merz-Auftritt vor gut drei Wochen
Friedrich Merz hatte seinen bisher letzten öffentlichen Auftritt am Nachmittag des 29. Juli. Dass der Kanzler und CDU-Chef seitdem Urlaub gemacht hat, auch an seinem Zweitwohnsitz am Tegernsee, gilt als sicher. In welchem Verhältnis seitdem Freizeit und Dienstzeit insgesamt zueinander stehen, ist Gegenstand munterer Spekulationen. Arbeit finde auch ohne öffentliche Termine statt, sagen die einen. Nur aus der Ferne zu beobachten und Telefonate zu führen, reiche nicht, sagen die anderen.
Immer wieder ist zu hören, Merz müsse sich zu diesem oder jenem Sachverhalt öffentlich äußern. Das liegt daran, dass seit der für viele unglücklichen Regierungsumbildung und seinen bisher letzten öffentlichen Worten ("Schöne Ferien, tschüss") einiges passiert ist. Die nächsten Hitzetage mit statistisch überdurchschnittlich vielen Toten, mehrere Waldbrände, die Sprengstoffdrohne am Leipziger Flughafen, der neue Renten-Streit. Merz schweigt – äußert sich über Sprecher aber durchaus, zum Beispiel zum israelischen Minister Ben-Gvir.
Adenauer wochenlang am Comer See, Merkel ging wandern
Die Urlaube ihrer Kanzler beschäftigen die deutsche Öffentlichkeit seit Beginn der Bundesrepublik. Ohne Online-Medien und soziale Netzwerke galten freilich andere zeitliche Maßstäbe. Der erste Regierungschef Konrad Adenauer war ab 1957 mindestens zweimal jährlich wochenlang in Cadenabbia. Die Residenz am Comer See wurde zum "Ersatzkanzleramt".
Geraune gab es schon damals – ob "Der Alte" nicht das Regieren im heimischen Bonn schleifen lasse? Dass ein Kanzler-Urlaub nie die reine Erholung ist, legte allerdings der Besuch eines "Welt"-Journalisten bei Adenauer am Comer See in jener Zeit nahe: "Während drüben über dem See die Schneegipfel der Bergamascer Alpen im Sonnenuntergang lila leuchten, denkt Adenauer an Eisenhower." Die Konrad-Adenauer-Stiftung [externer Link] bezeichnet Cadenabbia gar als "die immer wieder in ein höchst stimulierendes Ambiente versetzte Schaltzentrale seiner Macht".
Auch Adenauers Nachfolger sorgten mit Urlaubsort und Urlaubsdauer für Schlagzeilen. Die SPD-Kanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt zog es in den Norden – Brandt nach Norwegen, Schmidt an den Brahmsee in der Nähe von Kiel. Helmut Kohl schätzte den Wolfgangsee in Österreich, Angela Merkel ging in Südtirol wandern. Anders als jetzt bei Merz war der Kanzlerurlaub oft Teil der öffentlichen Inszenierung, mit Fotos oder sogar mit Journalistenbesuch.
Sprecher: Merz-Sehnsucht wird "auch physisch" bald wieder erfüllt
Eine Statistik über die exakte Urlaubsdauer der deutschen Regierungschefs ist nicht überliefert. Aber selbst die kritischsten Beobachter dürften einräumen, dass die politisch mächtigsten Amtsträger von Unterbeschäftigung und einer 40-Stunden-Woche die allermeiste Zeit weit entfernt sind.
Bald ist die sogenannte Sommerpause vorbei. Vize-Regierungssprecher Hille verkündete bei Merz bereits das nahende Ende der Ferien (oder der Zeit ohne öffentliche Auftritte). Der Kanzler werde kommende Woche dabei sein, wenn sich das Bundeskabinett zu Klausur und Fraktionssitzung trifft, sagte Hille. Dann gehe es auch um die Themen Hitzeschutz und Klimaanpassung. "Da werden Sie Ihre Sehnsucht nach dem Bundeskanzler auch physisch sozusagen wieder erfüllen können."
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