Glückliche junge Familie verbringen Qualität Zeit zusammen zu Hause, Vater heben kleine Tochter spielerisch, während Mutter unterstützt
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Der Geburtenrückgang könnte zum Demokratieproblem werden.
Bildrechte: picture alliance / Zoonar | Wosunan Photostory
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Geburtenrückgang: Die stille Demokratiegefahr

Geburtenrückgang: Die stille Demokratiegefahr

Geburtenrate auf historischem Tief – aber wollen junge Menschen wirklich keine Kinder mehr? Sozialforscher Kilian Hampel erklärt, was sie wirklich davon abhält – und: Der Geburtenrückgang könnte zum Demokratieproblem werden.

Über dieses Thema berichtet: Possoch klärt am .

1,35 Kinder pro Frau – ein historischer Tiefstand. Und zum vierten Mal in Folge sinkt die Geburtenrate in Deutschland. Doch ist das wirklich ein Ausdruck eines neuen Lebensstils, der in den sozialen Medien gehypt wird? Kilian Hampel, Sozialforscher an der Universität Konstanz und Mitautor der Trendstudie "Jugend in Deutschland", sagt im BR24-Interview für "Possoch klärt", was junge Menschen wirklich davon abhält, Kinder zu bekommen – und warum das Land in 20 Jahren ein fundamentales Demokratieproblem haben könnte.

BR24: Die Geburtenrate ist auf ein historisches Tief gesunken. Ist das eine waschechte Krise oder mehr Hysterie?

Kilian Hampel: Ich sehe das schon als Krise. Es ist nicht so, dass junge Menschen grundsätzlich keine Kinder mehr wollen. Aber die Perspektiven für junge Eltern sind schwierig – das verändert ihre Zufriedenheit und ihre Zukunftssicht ganz eindeutig.

Kinderwunsch ja – aber nicht unter diesen Bedingungen

BR24: Also doch keine "Generation kinderlos"?

Hampel: In unserer Trendstudie sagen 55 Prozent der 14- bis 29-Jährigen, dass sie sich Kinder vorstellen können. Aber 27 Prozent sind unentschlossen und knapp ein Fünftel sagt klar 'Nein'. Das ist bemerkenswert. Der Kinderwunsch ist grundsätzlich vorhanden – er ist aber an Bedingungen geknüpft, die gerade nicht erfüllt sind: eine stabile Partnerschaft, verlässliche Betreuung, ein fester Job, bezahlbarer Wohnraum. Wer auf dem Wohnungsmarkt keine Perspektive hat, sagt auch deutlich häufiger, keine Kinder zu wollen.

BR24: Deutschland gibt Milliarden für Familienpolitik aus – und die Geburtenrate sinkt trotzdem. Was läuft falsch?

Hampel: Das Elterngeld wurde seit 2007 nicht inflationsbereinigt erhöht – und die Diskussion geht eher in Richtung kürzen. Viele junge Eltern sagen, sie können es sich schlicht nicht leisten. Hinzu kommt: Beide Elternteile müssen arbeiten, aber Betreuungsplätze fehlen. Die Errungenschaften der Gleichstellung lassen sich finanziell nicht wirklich ausleben. Das Geld kommt nicht an den richtigen Stellen an.

BR24: Kinderlose höher belasten, zum Beispiel bei der Pflegeversicherung – ist das die richtige Stellschraube?

Hampel: Ich verstehe die politische Logik, aber es wäre viel wirksamer, diejenigen zu belohnen, die Kinder haben – durch mehr Betreuungsplätze, bessere Vereinbarkeit, echte Anreize. Wer sanktioniert, wer sich gegen Kinder entschieden hat, hat einen kurzen Hebel. Wer die Strukturen verbessert, hat einen langen.

Im Video: Keine Kinder, Deutschland kaputt? Possoch klärt!

Social Media: Zwischen Erschöpfung und Hochglanz

BR24: Auf Social Media gibt es zwei Bilder von Elternschaft: ehrliche Erschöpfung versus perfekter Instagram-Urlaub. Was wirkt stärker auf junge Menschen?

Hampel: Beides zusammen erzeugt das eigentliche Problem: eine Lücke zwischen Anspruch und Alltag. Wer im Scroll zwischen Mental Load und makellosem Familienleben hin- und herwechselt, entwickelt einen enormen Druck. Die Ansprüche an gute Elternschaft sind gestiegen – das ist nicht schlecht. Aber zwischen Erschöpfung und Hochglanz warten viele erst mal ab.

Die stille Demokratiegefahr

BR24: "Childfree statt childless" – Ausdruck von Freiheit oder kulturelles Warnsignal?

Hampel: Das eigentliche Warnsignal ist, dass wir offenbar nicht die Strukturen bieten, die junge Menschen dazu bringen, von sich aus zu sagen: Ich will ein Kind, und ich bin überzeugt, dass ich es hier gut großziehen kann. Dass die religiöse Bindung abnimmt und Lebenswege nicht mehr normativ vorgegeben sind, spielt auch eine Rolle – aber der Hauptgrund bleibt: Wer keine Perspektive sieht, entscheidet sich gegen Kinder.

BR24: Was verändert sich in 20 Jahren, wenn sich nichts ändert?

Hampel: Wenn wir deutlich mehr Ältere als Jüngere haben, hilft es wenig, das Wahlalter auf 16 zu senken – junge Menschen werden zahlenmäßig so in der Unterzahl sein, dass wir ihnen aktiv eine Stimme geben müssen: in der Gesellschaft, in Unternehmen, in der Politik. Die große Gefahr ist, dass wir Alt gegen Jung ausspielen – und genau das dürfen wir nicht. Wir müssen die jungen Menschen, die wir haben, besser behandeln. Sonst laufen wir Gefahr, dass sie auswandern.

BR24: Danke für das Gespräch.

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