05.07.2026, Thüringen, Erfurt: Alice Weidel, AfD-Bundesvorsitzende, und Tino Chrupalla(l), AfD-Bundesvorsitzender und Fraktionsvorsitzender der AfD, stehen zum Abschluss des Bundesparteitags ihrer Partei in der Messe Erfurt auf der Bühne. Rechts steht Sven Tritschler (r,AfD), stellvertretender Bundesvorsitzender. Am 4. und 5. Juli findet der Bundesparteitag der AfD in der Messe Erfurt statt. Foto: Sebastian Kahnert/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
05.07.2026, Thüringen, Erfurt: Alice Weidel, AfD-Bundesvorsitzende, und Tino Chrupalla(l), AfD-Bundesvorsitzender und Fraktionsvorsitzender der AfD, stehen zum Abschluss des Bundesparteitags ihrer Partei in der Messe Erfurt auf der Bühne. Rechts steht Sven Tritschler (r,AfD), stellvertretender Bundesvorsitzender. Am 4. und 5. Juli findet der Bundesparteitag der AfD in der Messe Erfurt statt. Foto: Sebastian Kahnert/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
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Geschlossenheit als Inszenierung: Was der AfD-Parteitag zeigt

Geschlossenheit als Inszenierung: Was der AfD-Parteitag zeigt

Auf der Bühne beim AfD-Bundesparteitag in Erfurt wird Geschlossenheit demonstriert – es gilt, den Wahlkampf im Osten nicht zu stören. Inhaltliche Debatten bleiben deshalb aus, kontroverse Anträge werden vertagt. Es geht um Bilder. Eine Analyse.

Über dieses Thema berichtet: Bayern-2-Nachrichten am .

Der AfD-Bundesparteitag in Erfurt hat mehrere Schauplätze: Auf dem Rednerpult wird Geschlossenheit zelebriert. Der wiedergewählte Co-Parteichef Tino Chrupalla beschreibt die Doppelspitze mit Alice Weidel als "ein Herz und eine Seele" und mahnt fast beschwörend: "Unsere Partei ist einig wie nie zuvor." Doch sein eigenes Wahlergebnis mit 70 Prozent widerspricht dieser Botschaft. Chrupalla verliert im Vergleich zur letzten Wahl deutlich an Stimmen – ein Dämpfer, der einen Riss in der Einigkeit zeigt: Viele Delegierte nehmen ihm übel, dass er die parteiinterne Vetternwirtschaftsaffäre öffentlich kritisiert hat. Aus den Westverbänden kommt zusätzlich Kritik an seinem Russlandkurs.

Wer wissen will, was die Delegierten wirklich denken, muss nicht den Reden auf der Bühne lauschen, sondern in den Raucherbereich gehen. Dort wird offen das schwache Ergebnis Chrupallas kritisiert: "In Wahlkampfzeiten müssten das 90, 80 Prozent sein – nicht mal Gegenkandidaten gab es!", ärgert sich einer. Viele wünschen sich statt der Doppelspitze eine einzelne Führungsfigur. "Auf kurz oder lang wird die Doppelspitze abgeschafft", ist ein anderer Delegierter überzeugt – und wer sich am Ende durchsetzen dürfte, lässt sich schon am Wahlergebnis ablesen.

Neuer Bundesvorstand: Weidels Macht in der Partei

Alice Weidel holt mit über 81 Prozent der Stimmen mehr als bei der letzten Wahl – sie gilt als Gesicht und Zugpferd der Partei, baut ihr Netzwerk konsequent aus. Selbst während laufender Wahlgänge telefoniert sie auf offener Bühne. Es geht darum, Mehrheiten zu organisieren. Die Machtkämpfe, die die Partei nach außen beharrlich bestreitet, werden dabei unübersehbar: Carsten Hütter gilt als Chrupallas Mann, will Schatzmeister bleiben, bekommt aber Konkurrenz aus dem Weidel-Lager. Hütters Appell in der Rede: "Hören Sie nicht auf diese Netzwerke, hören Sie nicht auf die Einflüsterer, hören Sie auf Ihr Gefühl." Er verliert den Posten.

Die zweite Reihe wird umbesetzt: Weidel hat zahlreiche eigene Unterstützer in Bundesvorstand und Spitzenämtern platziert, beispielsweise Katrin Ebner-Steiner aus Deggendorf, AfD-Fraktionschefin im Bayerischen Landtag und nun auch stellvertretende Bundessprecherin. Im BR24-Interview betont sie, dass sie vor allem diejenigen jetzt überzeugen will, die bislang zögerten, die AfD zu wählen: "Wir wollen da mehr vordringen bei der weiblichen Wählerschaft. Wir wollen auch die Senioren mehr ansprechen." Infostände, gezielte Ansprachen – neue Wählergruppen, die sich auch aktiv in der AfD betätigen könnten, so Ebner-Steiner. Sie gilt zugleich als eng verbunden mit dem thüringischen Landeschef Björn Höcke. Der Rechtsaußen-Mann Höcke baut seinen Einfluss ebenfalls aus: Sein enger Vertrauter aus Thüringen, Stefan Möller, ist Bundestagsabgeordneter und Jurist – und jetzt ebenfalls stellvertretender Sprecher auf Bundesebene.

Vor Ostwahlen: Parteitag geprägt von Personen, nicht von Inhalten

Auf diesem Parteitag geht es um Personen, nicht um Inhalte. Kontroverse Anträge werden verschoben, so beispielsweise der von Höcke mitunterzeichnete Antrag zur sogenannten Unvereinbarkeitsliste. Weidel "muss zugeben, wir haben das ein bisschen vor uns hergeschoben." Der Bundesvorstand soll sich nun binnen eines Jahres damit befassen. Auf der Liste stehen Gruppierungen, die der Verfassungsschutz unter anderem dem Rechtsextremismus zurechnet, wie die Identitäre Bewegung. Eine Überarbeitung würde die Grundsatzfrage berühren, wie weit sich die AfD nach rechtsaußen öffnet. Beobachter werten die angekündigte Überarbeitung als bewusste Kampfansage an den Verfassungsschutz – verhandelt wird das Thema aber nicht in Erfurt.

Denn das Motto lautet: Nicht den Wahlkampf im Osten stören. Im Herbst stehen Landtagswahlen an. Der Höhenflug vor allem in Sachsen-Anhalt soll nicht durch inhaltliche Streitpunkte gefährdet werden. Den größten Applaus erhält auch Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, der in Umfragen auf Platz eins liegt. Er strahlt, macht Selfies, während die schwarz-rot-goldenen Fahnen wehen. Drinnen gibt sich die AfD siegessicher, will regieren.

Video: Politologe Wolfgang Schroeder zum AfD-Parteitag

Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder (BR24 TV, 5.7.26, 18.30 Uhr)
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Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder (BR24 TV, 5.7.26, 18.30 Uhr)

Tausende demonstrieren gegen die AfD

Vor der Halle sieht das Bild anders aus – dort trifft der von der AfD formulierte Machtanspruch auf demokratischen Widerstand: Tausende Menschen haben demonstriert, um ein Zeichen gegen die in Teilen gesichert rechtsextreme AfD zu setzen. Die Proteste verliefen laut Polizei größtenteils friedlich. Verhindert haben die Demonstranten den Parteitag nicht – einige Delegierte reisten schon gegen drei Uhr morgens an. Auch das ist im Raucherbereich zu hören, wo viele jammern: "Ich bin echt müde".

Was von diesem Parteitag bleibt, sind verschiedene Schauplätze – und vor allem Bilder. Tausende Polizisten haben sowohl den Parteitag als auch die Demonstrationen abgesichert. Draußen dominiert das Bild von Plakaten mit der Aufschrift "AfD verbieten jetzt". Drinnen hingegen Selfies mit Deutschland-Fahnen – und einer gestärkten wie siegessicheren Alice Weidel, die "das Land vom Kopf auf die Füße" stellen will. Angefangen hat sie damit in ihrer eigenen Partei.

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