Die Europäer begeben sich ins geopolitische Rennen um Einfluss in der Arktis auf. Bei einem Gipfeltreffen in der nordfinnischen Stadt Rovaniemi am Polarkreis wollen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und andere Spitzenvertreter mehrerer EU-Staaten am heutigen Montag darüber beraten, wie sich Europas Interessen in der Region sichern lassen. Dabei geht es um neue Schifffahrtsrouten, die durch den klimabedingten Rückgang des arktischen Meereises entstehen, aber auch um unerschlossene Rohstoffvorkommen und Sicherheitsbedrohungen durch militärische Aktivitäten Russlands und Chinas.
Deutschland ist der Arktis näher, als man denkt
Die Reise zum Arktis-Gipfel war dem Bundeskanzler wichtig, um ein Zeichen an die EU- und Nato-Partner zu senden, dass sich Deutschland auch in dieser Region engagiert – vor allem unter sicherheitspolitischen Gesichtspunkten. Denn in dieser Hinsicht ist die Arktis Deutschland viel näher, als man vielleicht denkt. "Die Arktis kann als Sicherheitsraum inzwischen nicht mehr von Europa und der Ostsee abgetrennt werden", sagt der Nordeuropa- und Sicherheitsexperte Tobias Etzold. Deshalb sind zu dem Gipfel etwa auch Staats- und Regierungschefs aus dem Baltikum eingeladen, um ihre Erfahrungen zu teilen.
Zum Auftakt des Arktis-Gipfels im finnischen Rovaniemi hat Friedrich Merz (CDU) die Nato-Verbündeten zum Zusammenhalt gegen wachsende Bedrohungen aufgerufen. "Hier im hohen Norden Europas kann man sehen, wie gefährdet der Frieden in Europa ist", so der Bundeskanzler.
Ist Merz für die Europäer ein verlässlicher Partner?
Finnlands Ministerpräsident Petteri Orpo und weitere verbündete Regierungschefs haben Friedrich Merz beim Arktis-Gipfel in Finnland den Rücken gestärkt. Auf die Frage eines Journalisten, ob Merz trotz der derzeitigen innenpolitischen Krise noch ein verlässlicher Partner sei, antwortete Orpo: "Absolut". Und er fügte hinzu: "Er ist der gleiche Kanzler wie zuvor. Wir haben eine sehr gute Zusammenarbeit und er spielt eine sehr große und sehr wichtige Rolle in der Europäischen Union."
Investitionspaket von 200 Millionen Euro
Grönland ist zwar nicht Teil der Europäischen Union. Erst Anfang der Woche hatte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei einem Besuch auf der Arktisinsel aber eine engere Zusammenarbeit angekündigt – und ein Investitionspaket von 200 Millionen Euro. Genutzt werden soll es unter anderem für die Infrastruktur, die nötig ist, um wertvolle Rohstoffe zu bergen.
Gefahr der Sabotage von Unterseekabeln
Gipfelgastgeber Finnland will bei den Gesprächen deutlich machen, dass die Arktis als ein integraler Bestandteil europäischer Sicherheit betrachtet werden muss und bei Weitem nicht mehr nur aus wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Perspektive.
Als ein Beispiel für Bedrohungen gelten von Norwegen und Großbritannien offengelegte Aktivitäten russischer Unterseeboote im Hohen Norden im Frühjahr. Nach Angaben aus Nato-Kreisen gilt es mittlerweile als sicher, dass die Boote nahe Spitzbergen eine neuartige Technologie zur weitgehend spurenlosen Sabotage von Unterseekabeln erprobt haben.
Neue Eisbrecherfähigkeiten gefordert
Die Ergebnisse des Gipfels will die EU-Kommission für die Erarbeitung der geplanten neuen Arktis-Strategie nutzen. Vor allem Finnland will erreichen, dass europäische Eisbrecherfähigkeiten als konkretes Projekt darin aufgenommen werden. Die Finnen sehen Eisbrecher als Schlüssel für Europas Handlungsfähigkeit im Hohen Norden: Ohne sie lassen sich Versorgung, Handel und militärische Präsenz in weiten Teilen der Region trotz schwindenden Meereises nicht zuverlässig sichern.
EU setzt ein Zeichen gegenüber dem amerikanischen Präsidenten
Anselm Küsters vom Centrum für Europäische Politik verweist als Experte darauf, dass Finnland beim Thema "Europäische Eisbrecherflotte" bereits über eine besondere Schlüsselkompetenz verfüge: Dort heimische Unternehmen hätten rund 80 Prozent der Eisbrecher weltweit entworfen und rund 60 Prozent gebaut.
Laut Tobias Etzold vom Experten-Netzwerk Forum Nordeuropäische Politik dürfte es auch um eine Botschaft an Trump gehen. "Die EU will gegenüber den USA ein Zeichen setzen, dass sie nicht untätig bleibt und anderen das Feld überlässt, sondern ihre Interessen in der Region wahrnimmt", sagte er.
Mit Informationen von dpa
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