Politiker Robert Habeck (Grüne), ehemaliger Bundeswirtschaftsminister, in der Phil.Cologne Veranstaltung 'Demokratie im Ernstfall' in der Flora Köln. Köln, 23.06.2025
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Habeck verlässt Politik: Vom Kanzlertraum zur Ernüchterung
Bildrechte: picture alliance / Panama Pictures | Christoph Hardt
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Habeck verlässt Politik: Vom Kanzlertraum zur Ernüchterung

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Habeck verlässt Politik: Vom Kanzlertraum zur Ernüchterung

Habeck verlässt Politik: Vom Kanzlertraum zur Ernüchterung

Robert Habeck verlässt nach 20 Jahren die große Bühne der Bundespolitik. Sein politischer Weg war geprägt von Aufstieg, Krise, Kanzlertraum – und endet jetzt mit scharfen Attacken, auch gegen Markus Söder.

Über dieses Thema berichtet: BR24 Radio Nachrichten am .

Es war der Tag, der zum Schlüsselmoment für seinen Abgang werden sollte: der 10. Juli dieses Jahres im Bundestag. Friedrich Merz, frisch gewählter Kanzler, hält seine erste Regierungserklärung. Schräg gegenüber sitzt Robert Habeck – nur noch einfacher Abgeordneter in den Reihen der Opposition. Er grinst, klatscht als einziger Grüner, als Merz von Investitionen, Arbeitsplätzen und neuen Schulden spricht.

Damit habe der CDU-Kanzler "in weiten Teilen meine Wahlkampfrede wiederholt". Davon ist Habeck überzeugt, das macht er in einem Instagram-Video deutlich, in dem er zugleich seinen Abschied aus dem Bundestag zum 1. September verkündet. Denn das Lachen, erklärt er, "war in Wahrheit auch ein Auslachen" – ein Moment des Hohns, den er nicht zur Dauerpose machen wolle. Er wolle nicht "wie ein Gespenst über die Flure laufen und sagen: Früher war ich mal Vizekanzler, erinnert ihr euch?"

Habeck teilt gegen Söder und Klöckner aus

Damit verlässt Habeck die bundespolitische Bühne – und tut es mit einem Paukenschlag. Denn er geht nicht leise, sondern mit scharfen Attacken im Interview mit der taz (externer Link, möglicherweise Bezahlinhalt). Markus Söder, der ihn jahrelang zum Feindbild stilisierte, verspottet er mit den Worten: "Dieses fetischhafte Wurstgefresse von Markus Söder ist ja keine Politik." Söder kontert in der BILD: "Ich werde weiterhin mit Freude bayerische Weiß- und fränkische Bratwürste essen."

Auch Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) sei nach Habeck eine "Fehlbesetzung", die "immer nur polarisiert, polemisiert und gespalten" habe. Für einen Politiker, der sich stets als Brückenbauer verstand, ist dieser Abgang ein Bruch. Um das zu verstehen, lohnt ein Blick in Habecks politischen Werdegang, der sich wie ein Drama liest.

Erster Akt: Der Aufstieg des Robert Habecks

Seine Karriere führt über Schleswig-Holstein nach Berlin. Als Umweltminister und Vize-Ministerpräsident profiliert er sich, als Co-Parteichef macht Habeck die Grünen auf Bundesebene regierungsfähig. 2021 verpasst er die Kanzlerkandidatur bei den Grünen, doch als Wirtschaftsminister und Vizekanzler der Ampel-Regierung rückt er ins Zentrum. 2022 gilt er als beliebtester Politiker des Landes, überzeugt rhetorisch: Was Scholz nicht liefert, bedient Habeck in Reden und bei seinen Social-Media-Videos, wenn er einordnet und erklärt. Er treibt den Ausbau der Erneuerbaren Energien voran.

Als Russland die Ukraine überfällt, managt Habeck die Energiekrise – niemand friert. Doch Gas von Autokraten bringt ihm auch Kritik ein. Schon damals zeigt sich: Jeder Applaus auf dieser politischen Bühne hat seinen Preis.

Zweiter Akt: Der Krisenmanager wankt

Die Popularität hält nicht: Das umstrittene Heizungsgesetz von Wirtschaftsminister Habeck wird zum Symbol politischer Überforderung. Die anvisierte Transformation empfinden viele als Zumutung. Die Umfragewerte der Grünen sinken, Söder und andere machen Habeck zum Feindbild. Im Januar 2024 blockieren Demonstrierende seine Fähre – der Grünen-Politiker wird zur Projektionsfläche: für Wut wie Hoffnung.

Dritter Akt: Der Kanzlertraum der Grünen

Nach dem Ampel-Aus gilt Habeck als Hoffnungsträger der Grünen. Eine Alternative haben sie auch nicht. Er plakatiert im ganzen Land "Zuversicht" als Wahl-Motto, inszeniert sich als Kandidat für die Mitte, will unbedingt regieren. Auf Bühnen der Grünen wird er wie ein Popstar gefeiert. Neue Wähler jedoch gewinnt er nicht. Nach der Niederlage mit 11,6 Prozent resümiert er: "Das Angebot war top, die Nachfrage nicht so."

Vierter Akt: Der Abgang – mit offenem Ende

Habeck räumt das Ministerium, bleibt kurz Abgeordneter. Eine Petition mit Hunderttausenden Unterschriften ändert nichts: Er entscheidet sich, die Politik nach 20 Jahren zu verlassen. Künftig will er an Instituten in Kopenhagen und Berkeley forschen und lehren, dazu kommt eine Talkreihe im Berliner Ensemble. Habeck bleibt sichtbar, aber nicht mehr im Zentrum der Macht – er wechselt die Bühne. Der Vorhang für den Bundestag mag vielleicht nur vorübergehend fallen, das lässt er in seinem Abschieds-Video offen.

Was bleibt von Robert Habeck?

Sein Erbe für die Grünen ist ambivalent: die Erinnerung an ihn als Hoffnungsträger – und die Erfahrung, wie hohe Zustimmung in Ablehnung kippen kann. Am Ende zieht sich Robert Habeck aus einem politischen System zurück, das er selbst mitgestaltet hatte, das für ihn derzeit aber keine Zukunft darstellt – ein System, in dem er die gesellschaftliche Mitte nicht mehr erkenne. Von der "Zuversicht", mit der er Kanzler werden wollte, bleibt in seinem Abschied vor allem Ernüchterung. Zuversicht erhofft er sich jetzt außerhalb der Politik.

Im Audio: Robert Habeck verlässt den Bundestag – und geht ins Ausland

(Archivbild) Robert Habeck
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(Archivbild) Robert Habeck hat seinen Rückzug aus dem Bundestag angekündigt.

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