Bombenangriffe, Drohnenschwärme, Ölpreisschock: Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran stellt die Militärlogik auf den Kopf. Fabian R. Hoffmann, Forscher am Oslo Nuclear Project und Experte für Militärstrategie und Rüstungskontrolle, ordnet im BR24-Interview für "Possoch klärt" ein, warum die stärkste Armee der Welt trotzdem kein klares Konzept hat – und was das für den Ausgang des Krieges bedeutet.
- Zum Artikel: Iran: Verlieren die USA den Krieg? Eine Analyse
BR24: Verlieren die USA gerade den Krieg gegen den Iran?
Fabian R. Hoffmann: Nein. Militärisch sind die USA zusammen mit Israel dem Iran komplett überlegen. Der Iran kann da nicht viel dagegenstemmen, außer einzelnen ballistischen Raketen und Drohnenangriffen. Die viel größere Frage ist: Wie übersetzt man diesen militärischen Erfolg in einen politischen Erfolg? Und da sehe ich zur jetzigen Zeit kein wirkliches Konzept.
BR24: Der Iran galt als gut aufgestellt. Was war seine Strategie?
Hoffmann: Der Iran hat bewusst keine Panzer- oder Kampfjetflotten aufgebaut – da wäre er immer unterlegen. Stattdessen setzte er auf ballistische Raketen und Langstreckendrohnen, nach dem Motto: Wenn ihr einen Krieg mit uns anfangt, kann es richtig wehtun. Das war eine durchdachte Abschreckungsstrategie. Sie ist jetzt nicht aufgegangen – aber sie macht den Krieg für die USA teurer als erwartet.
Teure Flugabwehr – Support aus der Ukraine?
BR24: Stimmt es, dass billige iranische Drohnen die teuerste Flugabwehr der Welt in die Knie zwingen?
Hoffmann: Das ist in der öffentlichen Debatte zu vereinfacht dargestellt. Langstreckendrohnen werden zu großen Teilen nicht von Patriot-Raketen abgefangen, sondern von patrouillierenden Kampfjets – mit kostengünstigeren Luft-Luft-Raketen für rund 30.000 Dollar pro Stück. Unterm Strich kostet das Abfangen einer iranischen Drohne ungefähr 45.000 Dollar – immer noch mehr als die Drohne selbst, aber das können die USA und die Golfstaaten leisten. Das Problem ist ein anderes: Die perfekte Flugabwehr gibt es nicht. Einzelne Drohnen werden immer wieder durchkommen – und dann wird es wirklich teuer.
BR24: Die Ukraine bietet jetzt den USA Hilfe bei der Drohnenabwehr an. Das klingt fast wie ein Witz …
Hoffmann: Die Ukraine ist der einzige Staat der Welt, der seit Jahren täglich mit dieser Bedrohung konfrontiert ist und ein hochoptimiertes Abwehrsystem entwickelt hat. Das können die Amerikaner mit ihrem riesigen Verteidigungsbudget heute noch nicht – nicht, weil es technologisch zu schwer wäre, sondern weil die Prioritäten woanders lagen. Es macht also Sinn, funktionierende Lösungen aus der Ukraine zu importieren.
Im Video: Verlieren die USA den Iran-Krieg? Possoch klärt!
Regime-Change ohne Bodentruppen – eine Illusion?
BR24: Die USA wollen den Regime-Change, aber keine Bodentruppen. Geht das auf?
Hoffmann: In der Regel braucht man für einen Regimewechsel Infanterie, die das Land besetzt und das neue Regime stabilisiert. Wenn die USA das ausschließen, bliebe nur die Option, mit regionalen Gruppen wie den Kurden zu kooperieren und sie durch Luftschläge zu unterstützen. Das ist in der Theorie leicht gesagt – in der Praxis enorm schwer. Und die Geschichte hat das immer wieder gezeigt. Das Worst-Case-Szenario wäre ein zersplitterter Iran, der ähnlich wie Syrien in Instabilität versinkt.
BR24: Hat Israel Trump in diesen Krieg hineingezogen?
Hoffmann: Ein deutlich geschwächter Iran ist fast immer im israelischen Interesse – ein Nachbarstaat, der als politisches Ziel die Zerstörung Israels auf die Fahnen schreibt, ist eine existenzielle Bedrohung. Ich denke, Israel hat auf Trump eingewirkt. Und Trump ist ein Risk-Taker, der Risiken eingeht, die andere Präsidenten gescheut haben. Die These, Israel habe mit Nuklearwaffen gedroht, um Trump zum Eingreifen zu bewegen, halte ich allerdings für unplausibel – ein nuklearer Erstschlag Israels hätte das Land international isoliert.
Fabian R. Hoffmann, Forscher am Oslo Nuclear Project und Experte für Militärstrategie und Rüstungskontrolle
BR24: Kein Sieg, keine Niederlage – aber was dann?
Hoffmann: Militärisch können die USA diesen Krieg eigentlich nicht verlieren. Aber können sie ihn gewinnen? Der Krieg ist in den USA schon jetzt unpopulär – und dieser Druck wird wachsen. Die große Frage ist, ob man bis dahin die politischen Dynamiken so verändern kann, dass man das Ergebnis als Gewinn verkaufen kann. Was man zumindest sagen kann: Die iranischen Flugkörperfähigkeiten sind kurz- bis mittelfristig deutlich geschwächt. Das ist ein Fakt – und vielleicht das Mindestmaß, das die USA als Erfolg verbuchen können.
BR24: Danke für das Gespräch.
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