Der Allgäuer Benedikt Scharpf will das Grundwasser als letzte Reserve für kommende Generationen schonen. Sein Ansatz: lieber das Wasser nutzen, das die Natur "freiwillig" hergibt – also das Quellwasser aus nur vier bis zwanzig Metern Tiefe.
Quellwasser: Nehmen, was von selbst kommt
Für Scharpf ist das Erschließen von Quellwasser die nachhaltigste Form der Trinkwassergewinnung. "Man kann nur das entnehmen, was man bekommt", sagt er. Im Idealfall liege eine Quellfassung höher als der Hochbehälter des Dorfes – dann könne das Wasser ohne Pumpen in die Versorgung laufen. Man müsse "viel weniger Aufwand betreiben, um das mit Pumpen dahin fördern zu können, wo man es braucht."
Gerade im hügeligen Allgäu scheint das Wasserpotenzial unerschöpflich. Ganz nah unter der Oberfläche spinnen feine Wasseradern ihr Netz. Doch viele dieser Quellen sind in die Jahre gekommen, schlecht geschützt oder vergessen. Immer mehr Kommunen erinnern sich an diese "oberflächennahen Schätze" – und holen den Quellbauern Benedikt Scharpf und sein Team.
Operation am offenen Berg
In Altusried saniert Scharpf zwei alte Quellfassungen. Der spannendste Moment ist für ihn der, wenn das Innere des Berges sichtbar wird. "Jetzt geht’s ans Eingemachte, heute haben wir den Grundwasserleiter freigelegt", sagt er am Rand einer tiefen Baugrube. Erst einmal will er herausfinden, welche Kiese oder Sande hier liegen und wie tief die Quelle liegt, wie weit sie ausgebaut werden kann.
Mit jedem Meter abgetragenen Materials steigt das Risiko. "Wir müssen sukzessive heruntergraben und schauen, wie wir uns der anstehenden Geologie anpassen", so Scharpf. Das Schlimmste, was passieren könne: Man fasst mit der Baggerschaufel falsch rein, dann könne das Wasser auch einfach weg sein, ein "Super-GAU", so Scharpf.
Bevor Scharpf und seine Kollegen eine Quelle neu fassen, müssten sie den Berg verstehen, erklärt er. Wo fließen die Wasseradern, wo stauen Schichten das Wasser, wie lässt sich der Zufluss so fassen, dass möglichst viel Wasser an einem Punkt gesammelt wird – ohne den Untergrund zu entwässern?
Das Gelände und die Geologie gebe vor, "wie diese Quellbaugrube später auszuschauen hat". Deshalb ist Quellbau für ihn echtes Handwerk: viel Arbeit mit der Schaufel, wenig mit Standardplänen. Lachend meint er: "Man sagt ja auch gern, Quellenbau kommt von quälen, Quälenbau, weil man viel von Hand arbeiten muss."
Wenn das Wasser wieder sprudelt
Hat das Team die richtige Stelle gefunden, wird der Grundwasserleiter freigelegt, Sickerrohre eingebaut, Filterkies und Lehm eingebracht, Betonplatten gesetzt. Ein empfindliches System: Wasser darf weder zurückgestaut werden noch unkontrolliert abfließen, organisches Material und Keime haben hier nichts verloren.
Der Moment, in dem das Wasser nach der schweren Arbeit wieder sauber in die Baugrube einströmt, ist jedes Mal besonders, erzählt Geohydrologe Horst Tauchmann, der mit Scharpf zusammenarbeitet: "Wenn das Wasser so sprudelt, dann freut sich jeder Quellbauer." Scharpf ergänzt: "Mir geht schon das Herz auf, wenn ich da hineinschaue und das Wasser sprudeln sehe. Ich würde sagen, wir sehen das ja nicht nur als Job, sondern das ist schon eine Berufung."
Am Ende wird von der Baustelle kaum etwas zu sehen sein. Der neue Quellschacht verschmilzt mit dem Hang, irgendwo unter einer Wiese fließt das Wasser durch Rohre in Richtung Dorf. Kein repräsentatives Gebäude, keine feierliche Eröffnung. Er bedauert, dass Quellfassungsbauwerke, also die Trinkwasserversorgung in der Allgemeinheit, noch nicht ausreichend anerkannt sind.
Wasserzukunft: Oberflächennah, wo es geht
Reines Trinkwasser aus Quellen, nah unter der Oberfläche – dort, wo es geologisch möglich ist, könnte das ein entscheidender Baustein der Wasserzukunft sein. Statt tiefes, Jahrtausende altes Grundwasser schnell zu verbrauchen, setzt Benedikt Scharpf auf das Wasser, das der Berg von selbst freigibt – und auf die Geduld, es Schicht für Schicht freizulegen.
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